Atar und der Weg dorthin

Ich hab im letzten blog den Adrenalinschub aus dem Sperrgebiet recht schnell wieder auf der langweiligen Straße nach Nouakschott verloren. 20 Kilometer vom Flughafen zum Beginn der Stadt. Wie in Chami zuvor und auch in Marokko üblich ist Größenwahn wohl die einzige Erklärung für derartige Zubringer ins Stadtgebiet. Oder muss der Besucher geblendet werden? Auf jeden Fall irrwitzig wo auf einmal der Verkehr für drei Spuren herkommen sollte…

Zur Erklärung nochmal, danach geht es einspurig 500km gerade aus nach Nouadhibou, die langweilige Strecke die ich gefahren bin. Nun ja, wer hat kann protzen, aber das Geld dafür wäre sicherlich besser investiert. Zumindest nutzen ein paar typische Laster die Autobahn um Sand aus der Wüste zu holen. Echt wahr und noch nicht verstanden, da es ihn auch an jeder Ecke zu finden gibt.

Mein Ziel ja so schnell wie möglich auf die Ausfallstraße nach Atar zu gelangen. Eine Herausforderung wenn man nicht erst komplett ins Zentrum fahren möchte. Über ein paar Nebenstraßen passiere ich einen Platz der zur Umschlagung von Baumaterialien genutzt wird, Sand, Kies und Zement in Säcken, Bewehrungsstahl und selbst gegossene Ziegel. Hier mal der Parkplatz der Giganten.

In die Stadt muss ich demnächst wohl nochmal um das Mali Visa zu besorgen, heute jedoch nur kurz beim Fleischer gehalten um Reste für Atlas zu holen. Ein kurzer Besuch im Supermarkt war auch sehr enttäuschend, gleiches Angebot wie in Marokko zu weit höherem Preis. Der Französische Markt auch mit europäischen Waren, unbezahlbar. Ich bin versorgt, raus aus dem Verkehrschaos.

Erst nach vielen Kilometern Route gespickt mit Wochenendhäuschen am Rand endlich wieder einsames Mauretanien zu bestaunen. Die RN1 nach Atar anscheinend die älteste Verbindung im Land, Zustand annehmbar und Verkehrsaufkommen fast nicht existent. Da müssen sich Herbergen am Straßenrand schon was einfallen lassen um bei den wenigen Reisenden aufzufallen. Man schmückt sich mit allem zur Verfügung stehendem und endlich mal ne clevere Verwendung für die Altreifen neben der Strecke.

Am Straßenrand sonst nix besonderes. Einmal gab es einen improvisierten Rastplatz zu umfahren, weil sich vier Trucker zum Tee getroffen haben. Die Allzwecklaster mal mit Kisten oder Säcken beladen. Zwei hatten über sandige Rampen gerade ihre lebende Fracht zur Pinkelpause gehen lassen. Hunderte Ziegen grasen in der Umgebung.

In einem früheren blog hatte ich mal über die Weidetiere im LKW berichtet. Kein Zuckerschlecken im Sommer bei 45grad, heute nur knapp 30, aslo angenehm. Damals führte die Route östlich aus der Stadt, hier zum Nachlesen:

https://mb407.wordpress.com/2018/02/03/steppe-in-mauretanien/

Die Gegend nach Nordosten sehr karg und flach, kaum Vegetation aber auch keine großen Dünen. Es bläst ordentlicher Gegenwind und ich zuckel meine gemütliche Reisegeschwindigkeit als plötzlich neben mir ein Landrover winkt. Klar hält man zu nem Plausch und die deutsche Besatzung hatte über irgend einen Kanal schon von der Walküre gehört und ist nun erstaunt sie live zu sehen… Zwei Wochen Weihnachtsurlaub und der Allrader mit Expeditionsausrüstung stand hier beim Zoll eingelagert und wird es im Januar auch wieder sein. Man tauscht sich etwas aus und fährt sich später sicherlich noch über den Weg. Ich hab heute nix mehr vor und genieße mal die Sonne im Rücken zu haben.

Man erkennt sogar etwas grün zwischen dem sonst üblichen blassbraun, bin gespannt was die für mich neue Gegend dort oben in den Bergen zu bieten hat. Meine Nacht irgendwo abgelegen und in Ruhe, der übliche Sternenhimmel und über den sichelförmig liegenden Mond hab ich auch schon berichtet.

Am nächsten Tag wir Akjoujt passiert. Wenn man diesen Stadtnamen bei google eingibt liest man über die große Miene die dort Kupfer und Gold in nicht ganz chemisch korrekter Weise für die Mitarbeiter abgebaut und das Wasser verseucht hat. Heute hoffentlich anders, immerhin stammt der aktuelle Präsident aus diesem Ort. Doch vorher erstmal Mittagspause im Einzugsgebiet des internets der Stadt. hier in Mauretanien doch viel weniger Netzabdeckung als in Marokko. Wird also schwer meine 6Gb auch aufzubrauchen.

Und auch die gestern getroffenen Deutschen wollten sich mal bei der Miene um ne Führung erkundigen, sollen später wiederkommen. Nach unserer Pause geht es erneut zum Tor, Die Anlage ist gewaltig und alleine der Aushub ist ein kompletter Berg für sich. Wir sollen uns im Ort im Büro einen Termin holen und mit der Erlaubnis vom Chef wieder kommen. Aber irgendwie erreicht man dann niemanden und an der Adresse ist auch nix zu finden. Die Kurzurlauber wollen weiter und ich hab eigentlich auch keinen Bock mehr und mache noch ne letzte Runde. Akjoujt auf keinen Fall sehenswert. Also mal ein Schema der Mine, mal wieder was um aus dem Weltraum zu gucken.

SchemaSchema

Die nächsten knapp 200km bis Atar wären also heute noch drin, warum aber? Ich gleite dahin und sehe endlich die ersten Felsklippen und ein paar Palmen vor mir. Ain Ehel Taya heißt das Dorf mit dem markanten Wasserturm.

Ansonsten aber wie überall auch nur ein Ort am Straßenrand mit einfachen Gebäuden und Shops sowie Werkstätten, viel los ist hier nicht.

Die Sonne schon tief halte ich Ausschau nach einem Nachtlager und werde oben am Pass direkt hinterm Museum fündig. Museum hier? Laut Karte und anhand der Schilder zu erkennen schon, aber geschlossen. Leider auch am nächsten Morgen, wenn auch das kleine Gebäude mit der gepflegten Außenfläche keine Besonderheiten zeigen wird. “Musee d’amatil pour la resistance contre la colonisation” heißt es.

Einmal rum ums Gelände wohnt in der Nähe nur ein Farmer, der seine Ziegen an der Rückwand der Mauer eingekerkert hat. Schätze nicht, dass der zum Museum gehört, selbst wenn hab ich heute keine Lust mehr.

Das Wetter heute Morgen etwas bedeckt, also Abfahrt, muss sogar nen Pullover anziehen, doof. Der Blick zurück vom Pass runter auf’s Dorf.

Atar keine 30km mehr weg und ich steuere gezielt das Bab Sahara an, eine Institution wie man so hört und liest. Ruhige Lage und trotzdem fußläufig zum Ortszentrum, ideal um ein paar Tage zu bleiben. Die Zufahrt zwar schmal aber anscheinend auch mit größeren Fahrzeugen machbar, die Pistenkuh war erst vor wenigen Tagen dort. Auf dem Hof treffe ich dann natürlich den Defender wieder, die aber grad schon am Aufbrechen sind. Erstaunlicher jedoch und mal wieder eine kleine Welt, sehe ich bekannte Gesichter mit nem Berliner Nummernschild auf Iglhaut-Bremer-Mercedes. Vor Jahren mal beim Maniacs Sommerfest getroffen waren sie jetzt ein Jahr in Westafrika unterwegs. Wir verstehen uns, selbe Art des Reisens mit gleicher Auswertung der erlebten Eindrücke. Ich schlage also mein Lager auf.

Justus der Eigentümer aber grad nicht vor Ort von einer sehr netten Holländerin vertreten die damit eine Auszeit vom Reisen macht. Tolles Gelände, tolle Atmosphäre, aber leider mit neuer Preisgestaltung wie sich herausstellt. Mit 7-8,-€ die Nacht hab ich gerechnet, 15,- sollen es aber sein und damit außerhalb meines Verständnisses für einen Alleinreisenden ohne Strombedarf. Ich packe also wieder ein und bin trotzdem froh mal hier gewesen zu sein.

Der Stellplatz für Fahrzeuge, links im Bild das Tor, 5-6 passen auf jeden Fall rein. Daneben die Waschgelegenheiten und auch feste Schlafmöglichkeiten abseits der Hängematte.

Wie gesagt, hübsch gemacht und auch der Unterstand zum gemeinsamen Sitzen und Speisen weit über mauretanischem Standard. Heute wird eine Fischsuppe angeboten, spricht gegen meine Regel Fisch abseits der Küste zu konsumieren, erst Recht in der Wüste. Danach werden Spaghetti mit echtem Käse angepriesen, verständlich wenn man länger auf sowas verzichten musste, aber für mich irrelevant. Auch dieses Menü kostet dann umgerechnet 10,-€ und dafür kann ich im Ort 10 Mahlzeiten zu mir nehmen.

Die Berliner stecken hier mehr oder weniger auch wegen Schaden am Kreuzgelenk fest. Ersatzteil schwer zu bekommen wird wohl geliefert, ich drücke die Daumen und verabschiede mich. Atlas hätte hier auch keinen Spaß, soll angeleint bleiben weil freilaufende Hühner. Konventionen sind halt nicht unser Ding.

Ich parke erstmal draußen vorm Tor, wenn ich das Moped schonmal unten habe kann ich auch damit schnell die Stadt erkunden. Es macht mal wieder Spaß durch die Gassen zu fetzen, wobei Vorsicht angebracht ist. Durch den allgegenwärtigen Sand wird von Autos nicht vor jeder Kreuzung gebremst und Vorfahrtsregeln kennt der Maure nicht. Wenn man als auf was zufährt wo jemand kommen könnte wird gehupft, spätestens dann heißt es anhalten wenn deine Hupe nicht lauter ist. Außerdem überall vierbeinige Verkehrsteilnehmer ohne jegliches Verständnis für die eigene Erscheinung.

Ich bearbeite ja fast nie Fotos, beim nächsten jedoch fühlt man sich damit noch mehr in die Zeit zurück versetzt. Es ist Freitag Nachmittag, Moslems heiliger Tag und deshalb überall Feierabend. Die Kohlekarren warten auf jeden Fall bis Morgen wieder Geschäfte gemacht werden können.

Auch die Marktstraßen leer, zwar nciht komplett aber doch sehr ausgedünnt und die letzten Händler wohl zum Aufpassen dort. Waren liegen hier dauerhaft, wie viel Sand überall zeigt. Ich hab mal wieder nicht explizit ein hübsches Fleckchen zum knipsen gesucht sondern einfach mal draufgehalten wie die Wirklichkeit so aussieht. Chaotisch aber authentisch.

Da fragt man sich natürlich wo all die Bewohner sind, die Lösung des Rätsels mal wieder in religiösen Zwängen. Die große Moschee von Atar also mein nächstes Ziel. Und was ich da vorfinde wäre die ideale Parodie oder Werbestrategie politisch korrekter Markenhersteller. Man stelle sich dieses Foto in den 90ern an deutschen Plakatwänden vor.

Zu witzig und nicht gestellt, wenn auch genau so eine von mir inszinierte Parkordnung hergestellt worden wäre. Ich feiere. Hier mal ein paar bewegte Bilder mit Ton umschlossen von der Tour durch den Ort.

Atar also auch maximal ne Kleinstadt mit schlechter Versorgungslage zumindest bezüglich Ersatzteilen. Konnte es gar nicht glauben, dass kein Kreuzgelenk in Dimensionen der üblichen 190er und W124 aufzutreiben ist. Hatte ja selbes Problem vor zwei Jahren in der Westsahara und die Lösung im ersten Geschäft für 6,-€ gefunden. Hier kann aber auch ich nicht weiterhelfen und hätte höchstens was aus Nouakschott mitbringen können.

Täglicher Verkehr in die Hauptstadt mit gewohnten oft zitierten hiAce Toyota Kleinbussen die selbst unbeladen schon überm Boden schleifen. Der graue Grill übrigens war bei allen zur Auslieferung weiß, das Plastik hält den Lack gegen den Sand aber nicht lange und wenn man Glück hat sieht man noch halblackierte Grills die dann nicht oft im Langstreckenverkehr durch die Wüste unterwegs sind, auf die kleinen Details kommt es an!

Den Rest Atars im Schnelldruchlauf, es gibt einen großen Kreisverkehr, der dann wohl das Zentrum ist.

Daneben ein Quartier für Kunsthandwerk, also Händler mit Holzschüsseln und antiken Türen, Schmuck und Gebimsel was keiner braucht. Hier reingehen gleicht dem Besuch einer nackten Schönheit in der Kneipe um die Ecke, es gibt keine Ruhe.

Es liegt ein Oued/Wadi zwischen Atar und dem Bab Sahara, sogar mit Wasser, wenn die stinkende Brühe so genannt werden darf.

Und ein Stück weiter auch der Friedhof mit der islamisch gewohnten Ordnung der Ahnen der Stadt.

Ich hab eigentlich alles gesehen, kein Grund viel länger zu bleiben. Haut mich auch nicht vom Hocker und Städte meide ich generell lieber. Ich lade das Moped auf und verabschiede mich erneut. Mein Weg erneut durch den Ort um im Osten in neue Abenteuer aufzubrechen. Doch Wenn schon die Chance besteht geh ich heute mal was essen. An den Restaurants vorne am Kreisel wird mir Huhn mit Pommes angeboten… als Einziges. Da verstehe einer die Welt und die üblichen Touristen, aber wie gesagt, man bekommt was gefragt wird und wahrscheinlich bei allen noch ne Cola dazu… ich hasse diesen falschen Einfluß. Ich sehe viele Dunkelhäutige, und frage gezielt nach senegalesischer Küche. Treffe dabei einen netten Künstler der mich über einige Gassen zu nem Restaurant nach meinem Geschmack bringt. Im Hinterhof wird von Mamma Afrika gekocht und im kühlen abgedunkelten Raum zur Straße hinterm Vorhang gespeist. Thibou Djenne heute von der hübschen Tochter des Hauses serviert, ich liebe es. Nen Berg Reis, darauf Gemüse und Maniok und auch ein Stück Fisch, aber nicht alle Prinzipien zu eng sehen. 50 Ouguyia kostet mich die ordentliche Mahlzeit, 125ct umgerechnet beim aktuellen Kurs von 1:41, alle glücklich. Der Künstler freut sich während des Essens mit mir über die üblichen Themen zu quatschen, er hatte aber schon gegessen, hätte ihn gerne eingeladen. Ist hier für die “Saison” wie der Winter mit den Touristen genannt wird. Man muss aus Nouakchott hier vorbei um die historischen Orte Chinguetti und Ouadane zu besuchen. Kunsthandwerk und Schuck als einziges “Luxus” Standbein dass vielen Händlern hier abseits Lebensmitteln den Lebensunterhalt sichert. Kann ich leider nicht unterstützen, was soll ich damit?
Es war mir also doch ein interessanter wenn auch kurzer Aufenthalt in Atar. Und natürlich hab ich mir keine Lebensmittelvergiftung oder sonstiges im Restaurant zugezogen, da gehen täglich etliche Leute essen, nur halt keine Touristen. Auch mein Weg führt mich nun nach Chinguetti, wenn auch mit etwas Verspätung, da ich hinter dem Polizeiposten noch schnell das annehmbare Internet der Stadt nutze. Mein blog wird von weit mehr Leuten gelesen als ich dachte. Freunde und Familie plus zur Zeit in den facebook Gruppen der gleichgesinnten Reisenden hier unten geteilt. Immer auch mal wieder mit Stolz auf meine WALKÜRE in Gruppen der DÜDO Liebhaber.
Auch gingen neben vielen Danksagungen einige Spenden für meine fast tägliche Schreiborgie ein, leider haut mit dem paypal Konto was nicht hin und ich bekomme die Adresse nicht bestätigt. Die ersten Zahlungen wurden schon zurückgebucht, ich bin aber dran, spätestens im neuen Jahr ist eine Lösung parrat… hoffentlich. Ansonsten Frohes Fest in die Heimat, ich hab noch lange nicht genug. PS, email mit Weihnachtsgeschenken an


mb407@protonmail.com

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