Zeitvertreib im Regenwald

Ich kenne die Gegend nun wie meine Westentasche und habe wohl jeden Pfad auf diesem Berg erkundet. Die Natur ist hier echt traumhaft, wenn auch das Wetter nun herbstlich anmutet. Das tägliche Machtspiel zwischen Sonne und Wolken ist ein Schauspiel am Horizont und in direkter Umgebung. Wolken ziehen den Berg hinauf oder kommen von der anderen Seite aus Ghana. Manchmal komplett grau, ab und an mit solchen Pinselstrichen.

Die Temperaturen hier auf 800m Höhe fühlbar geringer als im Tal bei vergleichbarer Wetterlage. So hab ich seit Tagen schon keine kurze Hose mehr getragen und fühle mich im Pulli am wohlsten. Das völlig fehlende Verständnis der Afrikaner für die Jahreszeiten wir wie sie kennen wird mir erst jetzt bewusst. Die beiden Saisons Regen- und Trockenzeit geben hier den Takt an und deshalb aktuell feucht und kühl im Vergleich zu heiß und trocken. Wenn die Sonne es aber schafft und die Wolken auflöst dann sofort 30grad und drüber. Mir und erst Recht Atlas bekommt die Abwechslung mal ganz gut. Schlafen ohne schwitzen und zur Bequemlichkeit sogar unter einer richtigen Bettdecke, einen Tee am Abend genießen und morgens bei klarer Luft aufwachen, echt erholsam. die Aussicht von meiner Terrasse dann zur besten Einschätzung des Tages.

Perfekt zum Arbeiten, dafür hab ich sogar meine Werkstattuniform samt Kapuzenpulli rausgeholt und gewaschen. Das Projekt wartet, alle Zeichen stehen auf grün. Mein Kumpel hat es endlich geschafft und die Mission Reifenfüllungen ist angerollt. Zwei konnten mit etwas Aufwand gerettet und befüllt werden. Der Trick mit dem Spanngurt ließ auch ohne Luftkanone die Seitenwand wieder in die Flanke ploppen.

Der Unterschied in den Bezeichnungen ist mir noch ein Rätsel. 14,5R20 Räder sind auf dem Gelben montiert. Auf dem UnimoG hingegen sind 14.00R20 verbaut und weit größer. Also 100% statt nur die Hälfte der Breite als Höhe der Karkasse im Verhältnis. Alternativen wie 12,5 oder 10 wären dann weit kleiner und meine Reifensuche in den nächsten Wochen wird spannend werden. 22R20 hab ich alternativ noch aus dem Werkstatthandbuch herausgelesen. Danke übrigens erneut dafür, einige Leser haben mir sehr mit Informationen geholfen und ich glaub ich hab nun den Durchblick. Moderne metrische Bezeichnungen und Alternativen sind wohl 335/80r20 oder 375/75r20 bis 405/70r20 am Gelben jedoch einer mit 365/80r20 verbaut, bleibt spannend.

Auf jeden Fall ist ein Reifen mit Rissen in der Seitenwand gesegnet die Luft entlassen, mal schauen was der Afrikaner mit Nadel und Faden oder Kleber und Flicken so anstellen kann. Bevor ich Ersatz beschaffen kann will ich das Ding bewegen, also muss das irgendwie dicht. Michi hilft es den Berg runter zu schaffen.
eines fehlt.

Ansonsten hat der optische Zustand auch meinen Kumpel überzeugt meine Ideen in die Tat umzusetzen. Alles was notwendig ist, ist vorhanden, kaputt geht an dem Ding nicht viel. Wenn meine Pläne durchgezogen werden liegt ne Menge Arbeit an Blech und Aufbau aber ein dankbares Fahrzeug als Ergebnis vor. Ich bekomme die nächsten Tage die Papiere und verhandle dann endgültig. Wenn der anvisierte Preis akzeptiert wird ist noch genug Polster für Investitionen da.
Mit dem Chaos in der zukünftigen Werkstatt hab ich schon einmal angefangen. Mehr verrottetes Holz als brauchbare Bretter sind vorsichtig auf einen neune Haufen gewandert. Was sich da für Kriechgetier eingenistet hatte ein echtes Erlebnis. 30cm lange Tausendfüßler, fette Spinnen und einige Skorpione die wie ich finde interessante Geschöpfe sind. Doch sauber ist sicherer und endlich Platz für Entfaltung. Der betonierte Boden ein Traum. Der kaputte Eckpfeiler mit einem Stapel Paletten improvisiert.

Die fetten Maschinen zur Holzbearbeitung brauchen leider Drehstrom und werden wohl weiterhin nur im Wege rumstehen. Dank Highlift aber zumindest an den Rand gehebelt. Ich hatte Besuch von einem Kollegen von der Farm und mit Josias einen Nachbarn und Kumpel gefunden der mir gerne zur Hand gehen will.

Jedoch ist das zerfallene Dach eine größere Nummer. Locker 20qm fehlen total und die restlichen vom Wasser geschwächte Balken müssen verstärkt werden. Das richtig machen und wieder Blech aufnageln liegt nicht in meiner Macht, ich denke an ein Provisorium mit Planen, die Entscheidung liegt beim Eigentümer. Auf jeden Fall genug Platz für die Karre und auch die Kabine und Ladefläche können zur Überarbeitung runter. Wie ich jedoch einen Kran oder ne Hilfsvorrichtung zum Heben der schweren Teile verwirkliche ist mir noch unklar, an der Decke auf jeden Fall nicht.

So hoffe ich also auf baldige Aktion mit Schraubenschlüssel und dreckigen Händen. Genug Urlaub gehabt und die Aussicht genossen. Den Wolken bei der Entstehung zusehen kann mal entspannend sein, aber ich sehe lieber der eigenen Hände Arbeit wachsen.
Geduld war zwar noch nie meine Stärke, wird hier aber immer eine Rolle spielen, ich übe. Ausflüge sind da perfekt zur Ablenkung. Das Begleitmoped hat nun übrigens auch ein Jubiläum erreicht. 2000km auf der Aprilia nun schon parallel zur Walküre geschafft, hat sich echt ausgezahlt und wird mit solchen Routen belohnt.

Wie gesagt ich bin hier angekommen, kenne meine Nachbarn und nun auch den Dorfchef von Ankouvie der nächsten kleinen Siedlung. Weiß wo die Viehhirten mir Milch und Käse verkaufen und werde überall mit Avocados versorgt. Die beiden 15km entfernten Märkte hab ich schon einmal angesprochen und Wasser hab ich hier oben am Berg auch, alles was man zum Leben braucht. Der Tag beginnt mit Vogelgesängen und endet mit der Dunkelheit dazwischen gibt es schon irgendeine Zerstreuung. Wenn es nicht gerade regnet kann man sich auch an solchen Verhältnissen ergötzen. Hier mein Blick von West nach Ost.

Wer hier oben wohnt muss sich also etwas wärmer anziehen und morgens auch mal auf wärmende Strahlen warten. Arbeit schafft da super Abhilfe. wie erwähnt geht es mit den Rädern voran und ein Rad muss aber zum Vulkanisieren ins Tal. Am UnimoG wie Klöten schaukelnd geht es auf zu nem bis dahin ungeahnten Abenteuer. Der Reifendienst kann mir bei den Dimensionen nicht helfen und verweist mich auf einen Bekannten 15km in die andere Richtung. Diese Strecke überbrückt dann wegen anderer Tagesziele von Michi ein Mototaxi mit stabilem Gepäckträger.

Wenn der Platz nicht ausreicht wird halt auf dem Tank sitzend gefahren. Bei weitem noch nix ungewöhnliches hier, so hab ich neben ganzen Familien schon Taxis gesehen, wo der Fahrgast noch vier ausgewachsene Ziegen als Bündel verschnürt mitnahm, oder Avocadosäcke die auf nen PickUp gehört hätten und der Fahrer ebenso mit den Eiern an den Lenker geschmiegt sein Gleichgewicht zu halten vermag. Da ist das hier auf ebenem Grund noch simpel genug um nebenbei zu telefonieren…

Der LKW Reifen Spezi hatte dann immerhin nen schweren Hammer und fette Montiereisen aus Bewährungsstahl geschmiedet. Einen Schlauch einziehen hätte die Kosten für diese Behelfsreparatur unermesslich wachsen lassen. Mir geht es nur um ne Probefahrt und Rangieren vom Unimog, neue Gummis muss der später sowieso erhalten. Also Flicken von Innen auf die gerissene Stelle und fertig. Soweit so gut, auch das Aufpumpen mit alt bewährter Maispaste als Zwischenmasse gegen Luft Entweichen war gut gemacht.

Nur der Reifen war schon so spröde und hat Stückchen der Flanken beim erneut über die Felge wuchten verloren die wohl auch schon länger die darunter liegenden Karkasse dem Luft und damit Oxidation aussetzen. Ergebnis bei knapp über 3bar… Zisch Peng und aus der Traum mit schnell mal reparieren.

Erspart mir immerhin den ganzen Rundling wieder den Berg hinauf zu schleppen. So lass ich den Gummi liegen und nehm nur die Felge Huckepack. Zum rangieren müssen als Plan B dann die Düdo Ersatzräder ran und nächste Woche heißt es zurück in die Hauptstadt zur Materialbeschaffung. Einkaufsfahrt nach Lome, Rostschutzgrund, Reifen, Baumaterial für die Rahmenkonstruktion und den üblichen Kleinkram wie Flexscheiben und Bürsten, vielleicht bekomme ich sogar ein Schweißgerät… Ich liebe es wenn Spielzeug besorgt werden muss.

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