Lagerkoller und was man so treibt

Wegen der weltweiten Virus Panik ist es auch in recht Togo ruhig geworden. Viele Afrika Reisende haben ihren Trip abgebrochen und sind in die „Heimat“ geflogen. Kam für mich aus zwei Gründen nicht in Frage, Erstens ist mein Truck meine Heimat und in Deutschland erwartet mich nix, und was ich so an Einschränkungen und Freiheitsberaubung zu hören bekomme, nein Danke. Ein Flug irgendwohin anders hin schied aus, erstens wegen Atlas und all meinen Habseligkeiten hier, auch müsste ich erneut umweltschädlich wieder her um die Walküre zu holen. Angemerkt sind die Preise auch exorbitant gestiegen. planmäßig fliegt eh nix mehr und der letzte Vogel von der deutschen Botschaft organisiert hatte den dreifachen Preis eines üblichen Tickets mit Rückflug… Ausrede dass der Leerflug ja auch bezahlt werden muss.

Eine Rückfahrt in Richtung Europa kam auch nicht in Frage, da dies einfach nur Umkehren und final in Marokko festhängen bedeuten würde, das kenne ich schon. Viele Reisende genießen dort grad eine mehr oder weniger entspannte verlängerte Zeit. Die Fähren nach Spanien sind dicht und selbst in die Enklave Ceuta zu gelangen echt schwierig wie ich höre. Weiter fahren nach Benin wäre nur ein kleiner Etappenerfolg ohne viel Änderung in der Szenerie selbst wenn es an der Grenze klappen sollte. Nigeria immer noch das größte Problem hier mit seinen weit über 200Mio Einwohnern. Aussitzen halte ich also für die beste Alternative, wenn auch langsam der Lagerkoller meinem üblichen Freiheitsdrang entgegen spielt. Ich bin nun schon einen Monat im Zion Gaia und habe zum Glück immer mal die Möglichkeit mit dem Moped einen Ausflug zu machen.

Wenn es auch nur ist um einen Kumpel im 30km entfernten Kpalime besuchen ist, und etwas Obst einzukaufen. Bananen gibt es hier grad keine und die Ananas sind auch noch nicht reif, meine Vitamine hole ich mir durch ne tägliche handvoll Salat aus dem Wald. Essbar und sogar schmackhaft.

Ja, ich weiß was es ist… keine Folgeschäden. Nennt sich Portulak

Der Dschungel im Camp ist herrlich aber ich bin einfach jemand der ab und an was anderes sehen muss. Tapetenwechsel gehört für mich also definitiv zum Wohlfühlen. Ansonsten vergeht die Zeit hier recht kurzweilig. Morgens die Gemeinschaftsarbeiten mit immer wieder wechselnden Aktivitäten, Nachmittags die individuelle Zeit für ein Bad im Fluss, die Ausflüge oder Gartenarbeit. Dazwischen immer mal wieder mein Engagement in der Küche je nachdem wer sich grad nach Organisation und Zubereitung der Mahlzeiten fühlt. Manchmal gibt es auch Aktionen bei denen alle zusammen agieren, backen zum Beispiel. Lecker Schokokuchen, Plätzchen und Pancakes,

Der Anlass waren Geburtstag und Ostern zusammen, dazu noch ein Etappenerfolg beim Hüttenbau über den ich separat berichte. Es gab also ne kleine Fete und in die Sauce wanderten sogar mal ein paar Hühner. hier wird echt alles verwendet, selbst Kopf, Innereien und Füße. Nur die Därme blieben für Atlas übrig, auch der braucht mal Abwechslung auf dem Speiseplan aus Trockenfutter, Reis oder die Mais-Millet Grütze die hier öfter gegessen wird.

Ab und an findet auch mal ein Brot oder ne Pizza auf den Speiseplan. Ein Ofen hat schon Vorteile. Vor allem wenn die Alternative gekauftes Brot mit Zucker und Margarine, ähnlich nem Milchbrötchen bedeuten würde. Dann doch lieber eine Mischung aus Weißmehl (gibt echt nix anderes zu kaufen) mit etwas Mais oder Millet und einigen Gewürzen, etwas Hefe und das Ergebnis dann annehmbarer.

Die angesprochene Gartenarbeit ist neben der Küche meine größte Leidenschaft hier. Nicht nur weil mir mein Garten in Berlin fehlt und so langsam auch die Saison dafür in Europa beginnt. (Hier übrigens zeitgleich aber aus anderen Gründen, endlich ist der Regen da, der immer wieder das mühsame Bewässern unterstützt) Gartenarbeit erdet einfach und bringt mir eine wichtige Verbindung zur Natur. Es erfreut natürlich zusätzlich wie man seiner Hände Arbeit wachsen und gedeihen sieht, das Erfolgsprinzip Belohnung für seine Mühen auch in der Küche zu schmecken.

Gboma zum Beispiel ist eine afrikanische Art Spinat, wird aber als Eierpflanze, (Eggplant / Auberghine) geführt obwohl man die runden Früchte nicht verwendet. Ist Bestandteil vieler Saucen und hat es in meiner experimentalen Küche zusammen mit Zwiebeln und einer Dose Milchkonzentrat zu was ähnlichem wie Rahmspinat auf Spaghetti geschafft, hat der Gruppe gemundet. Hier mal ein Foto vom schattigen Frühstück.

Des Weiteren ist grad die Zeit Anzuchtpflanzen zu versetzen, Auberghinen auf die leeren Beete, Tomaten ebenfalls mit mehr Platz und ne halbe Etage tiefer für besseres Wurzelwachstum, Basilikum pflegen etc.

Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt, wenn auch im vorherrschenden Klima nicht alles wie gewohnt wächst. ich habe mich mal an Aussaaten von Roter Beete, Radieschen, Kürbis und Wassermelonen probiert, ich berichte. Auf jeden Fall erstmal vor der Sonne geschützt.

Die Gartenarbeit kann meist erst ab 16Uhr in Angriff genommen werden, davor ist es ab der Mittagspause einfach zu heiß irgend etwas in der Sonne zu erledigen. Der Regen zieht wenn überhaupt meist erst am späten Nachmittag auf, wenn es um die nördlich liegenden Berge duster wird, wenn nicht heißt es anschließend wässern, was zum Glück durch eine Motorpumpe nicht in endlose Spaziergänge mit der Gießkanne ausarten muss.

Ein anderes Steckenpferd des Betreibers hier ist die Baumschule. Abgeholzt wird ringsum überall, sei der Grund Platz für Felder oder Ölplantagen schaffen oder Geld durch Holzkohle zu verdienen, Kettensägen und Machetenhiebe gehören zur Geräuschkulisse. Hier hingegen wird für den guten Zweck eingetütet. Erde mit Kompost mischen und in Tüten schippen, es gibt sogar einige recyclebare…

Dort hinein finden dann Samen oder Stecklinge ihren Weg mit Namen wie Mahagoni, Termina oder andere bedrohte Arten, aber auch übliches wie Teak, Papaya und Neem. An die 3000 Bäume ist jährliches Ziel im Camp und wird durch diverse Projekte unterstützt.

So sind die Tage also wenigstens nicht langweilig, wie es der Fall im Coco Beach Camping sein würde, wo sich mein Kumpel Michi mit seinem UnimoG eingerichtet hat. Da könnte ich zwar täglich an der Walküre rumbasteln, aber mir gingen auch schnell die Arbeiten aus. Am letzten Wochenende, ja mit zwei freien Tagen, hab ich mal meine Elektrik in Angriff genommen. Ich hab nun einen 24-220V Konverter und diesen an die Fahrzeugbatterien angeschlossen. Mein 1000W 12V ist dafür im Tausch an die Solaranlage im Camp gewandert. Der 375W vom Victron reichen aus meinen 300W Kompressor nun also unabhängig der Sonne bei zur Not laufendem Motor unendlich mit Strom zu versorgen und alle Reifen damit aufzupumpen.

Die Kabine konnte echt mal eine Grundreinigung wenn auch nur grob vertragen. Und wenn ich schonmal bei Kabelsalat war ging es auch endlich eine Stufe weiter mit den 24V Anschlüssen nun durch die Bordwand nach draußen. Ich hab ja immer noch keinen Grund gehabt die Seilwinde anzuwerfen. Bin nur noch am Überlegen ob ein fest installiertes Kabelpaket oder mobile Starthilfekabel die bessere Alternative sind. Muss knapp 6Meter überbrücken und da gehen ne Menge Ampere durch. Aber wie gesagt hat Zeit.
Neben all den Aktivitäten ist Zeit finden schon eher ein Problem, gerade für Sport. Da fallen ein Großteil der Stunden des Tages schlichtweg wegen potentiellem Hitzekollaps aus, bleibt der Morgen vor 7 oder die Zeit nach dem Garten und vor der Dunkelheit. Es bleibt selbst dann bei einem kurzen Mobilisationsprogramm und ab und an etwas rumhampeln auf der Slackline oder kombinierten Schlägen an den Punchingball, was ich alles so im Keller mitgeschleppt habe.

In der Mittagspause wie gesagt meist Ruhe angesagt, schlafen kann ich aber nicht und bei Bedarf läuft gerne mal der Ventilator neben der Couch. Schattig steht der Truck ja, aber ohne Luftzug sind auch 35grad echt schweißtreibend, da braucht es nicht mal direkte Sonneneinstrahlung zum schwitzen. Auf der Couch liegend bleibt dann nur Lesen, Schreiben, Hörbuch oder… PlayStation… ja, nach monatelanger, stummer Mitreise ist nun der Punkt gekommen wo man damit immer mal etwas abschalten kann.

Es gibt im Gemeinschaftszelt noch einen Haufen Brett- und Kartenspiele und auch Schach was ebenfalls öfter zur Unterhaltung dient, die Zeit also nur ein dehnbarer Faktor. Trotzdem überlege ich schon wann es wohin als nächstes gehen kann. Mopedausflug mit weiterem Radius? Übrigens sind mein Visa, mein Zolldokument und die Versicherung für den Truck ausgelaufen, sollte aber aufgrund der Bewegungseinschränkung in Richtung Hauptstadt eine passende Ausrede sein mich um solche sinnlose Bürokratie später zu kümmern wenn es geregelt wieder weiter geht. Kommt Zeit, kommt Rat.

12 Gedanken zu “Lagerkoller und was man so treibt

  1. Helmut schreibt:

    Hi Philipp, schön zu hören, dass es Dir gut geht und Du einen guten Platz gefunden hast. So schlimm ist es mit den Einschränkungen hier in Berlin eigentlich auch nicht. Liebe Grüße aus der Hauptstadt.

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  2. Jens schreibt:

    Wir harren alle gerade irgendwo aus, egal ob in Deutschland oder unterwegs. Viel mehr Bewegungsfreiheit hättest du anderswo auch nicht. So sieh es positiv, dass du noch mit dem Mopped rumdüsen kannst und was zu tun hast. 🙂

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  3. bern-alive schreibt:

    Hi Philipp, das geht doch noch. Hier in meiner Enklave in der Eifel ist die Frostperiode endlich vorbei und ich kann mich auch etwas mit dem Pflanzgarten und im Wald beschäftigen, wenn auch weniger produktiv als du.
    Da habe ich mal eine Frage:
    Bist du dort der Älteste?
    Gruß
    Bernhard

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  4. Roger-T. schreibt:

    Salut,

    Du sitzt dort aus, was Du ohnehin nicht ändern kannst und hast es dabei bisher noch gut getroffen. Nach den jetzt vorliegenden Daten (Du wirst sie sicherlich auch verfolgen) seit Ihr noch weitgehend am Rande brutaler Ereignisse; erst wenn sich auch dort ein Cluster bilden sollte, würde Eure Situation sich schlagartig verschlechtern. Hoffen wir – auch im Interesse geduldig leidender Afrikaner ! -, dass es dazu nie kommen wird. Je weiter aber Dein Weg nach Süden führt (wenn es denn irgendwann mal möglich sein wird), desto weniger wirst Du den sozialen Corona-Folgen ausweichen können.
    Langeweile, Überdruss und gefährdete Reisepläne sind eine Sache – eine globale Katastrophe ist eine ganz andere!

    Grüsse
    Roger-T.

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  5. Alex schreibt:

    bedenke, dass du Dich in der Ursprungsregion des Voodoos befindest welcher hinter den Kulissen teilweise fanatisch und mit unberechenbarer Besessenheit ausgeübt wird. Sollte ein „Geistheiler“, oder „Marabu“ mit dem Finger auf euch “ Weissbrote“ oder „Obronis“ zeigen und Corona rufen, kann alles schlagartig kippen und es wird es ganz ganz eng. Hüte Dich vor dem aufgeputschten, berauschten steinewerfenden Mob! wiege Dich nicht in Sicherheit weil sich ein paar schwarze „Jünger“ um Dich versammeln. Ich bin genau wie Du von Berlin per Düdo nach Westafrika gefahren und war ein Jahr vor Ort.
    Ich würde bei Aflao über die Grenze nach Ghana fahren und die Küste lang, Cape Coast / Kissi
    https://www.baobab-children-foundation.de/de/baobab-haus/
    Alles Gute

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  6. Albrecht Willems schreibt:

    Du hasst dich schon bis jetzt gut angewohnt an die situation…Probleme mit Visa/Canet/Versicherung kommen schon naher mal zum erklaeren!= Alles ist dort moglich…!
    Wie man sagt: die Afrikaner haben die Zeit, die Weissen(Tubab) haben die Stunde!
    Gruss
    ————————————–

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    • Roger-T. schreibt:

      „Wie man sagt: die Afrikaner haben die Zeit, die Weissen(Tubab) haben die Stunde!“

      Nichts für ungut, aber richtig heisst es: „Ihr habt die Uhren – wir haben die Zeit.“

      Diesen netten Aphorismus kennt man von Asien bis Afrika, ohne genau zu wissen, wer ihn zuerst formulierte.
      Aber inzwischen ist das in Zeiten von Smartphone und PC auch für Afrikaner eher ein nostalgischer Rückblick. LOL

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