Roadtrip Marokko – Blues von der Straße

Dieser Beitrag wird sich mal von den üblichen Blog-Erlebnissen abhaben. Der wahre Blues von der Straße, das Leben hinterm Steuer, die Ruhe, die Einsamkeit… die Langeweile.
Mein Stellplatz wie erhofft total abgeschieden, wer mal auf der Durchreise ist, kann bei Machraa Ben Abbou hinter der alten Brücke über den Oum Rbia super stehen.

Der Bus gut vorbereitet, der Fahrer gestärkt und mit Frühsport aufgeweckt und der vierbeinige Begleiter mit einer tollen Runde durch den umliegenden Wald glücklich und nun hoffentlich ruhig für die nächsten Stunden. Man könnte meinen ich bin schon fertig, zuhause, hab abgeschlossen… mich gedanklich eingebuddelt. Doch auch das gehört nun mal zum Reisen. Für mich heißt es nun ab gen Norden, irgendwie noch schneller und ohne weitere Ablenkungen.

Das bedeutet aber nicht, dass man die Augen verschließen muss und nicht genießen darf. Auch aus der Perspektive hinterm Lenkrad kann man sich an abwechslungsreicher Aussicht ergötzen. Gute Musik im Ohr oder besser noch ein Hörbuch als Begleiter und die Welt ist bunt.

Letzte Brücke dann bei Skhirat zwischen Casa und Rabat. Ähnliche Bauweise wie schon oft weiter im Süden entdeckt, nur hier werden zum Glück defekte Planken auch mal ausgewechselt und klappern tut es auch nicht beim überqueren.

Hat auf jeden Fall mehr Flair als auf der neuen Straße abseits der alten Brücken im Verkehr zu schwimmen. Naja, soweit man mit 55-60km/h von mitschwimmen sprechen kann. Selbst hier fährt ein Großteil der Fahrzeuge schon schneller. Nur noch wenige alte LKW unterbieten mich bei der Vmax.

Ich versuche die Großstädte zu umfahren, aber auch die Vororte sind weiter vorangeschritten als die Karten zeigen. Bei Casablanca sogar noch weniger ansehnlich und schon mein letzter Besuch in der Stadt war nicht berauschend. Der alte Glanz im Namen schon lange verschwunden.

Da bin ich froh, das meine Aussicht durch die Frontscheibe bald mal wieder anderes bietet. Obwohl nur gering schöner. Das Land hier unten sonst flach und eben, größtenteils zur Landwirtschaft genutzt. Fahren, fahren, fahren… Hund schläft lieber, gibt nix zu sehen.

Ich lasse alle Pläne fallen, wollte eigentlich irgendwo noch marokkanische Hocker im großen Stil einkaufen und auch auf den TeppichSouk in Khmisset schauen gehen. Der ist aber erst in 5Tagen und ich wie gesagt nun nur noch mit der Mission Heimfahrt im Kopf unterwegs. Doch manchmal wird man durch lästige Dinge gebremst…

Echt großer Bolzen im Reifen und das Notfallreparaturset hilft doppelt gelegt wenigstens weiter voran zu kommen und das Problem auf später zu verschieben. Dieses Set hilft aber nicht bei Schlauchreifen, ansonsten sehr empfehlenswert und zur Reparatur muss nicht einmal das Rad abmontiert werden.

Regen zieht auf und die Dämmerung bricht auch bald herein. Gut Strecke gemacht hab ich heute schon, will aber zumindest noch nen gemütlichen Platz im Rif Gebirge suchen. Ich will quer durch, lasse damit Tanger und die Berge dahinter aus und schaue nochmal am Mittelmeer vorbei.

Am Morgen dann keine Besserung und dicke Wolken, fast schon kalt. Keine Ablenkung also und zeitig wieder hinters Steuer. Mein Reifen hat gut Luft gelassen, bis Ouezzane in wenigen Kilometern schaffe ich es aber doch. Die Stadt eine unbeachtete Perle im Rif und ein Großteil der Häuser am Hügel in Nebel verborgen.

Ich hatte in Begleitung von Lukas und Sascha schon auf dem Hinweg kurz am Abend gehalten. Noch ist es zu früh zum shoppen oder für den Reifendienst, also Zeit beim Spazieren vertreiben… in aller Ruhe.

Die Geschäfte noch zu, die Straßen leer, so mag ich Städtchen und keiner geht dir auf den Sack. Die Hauptfarbe im Ort scheint Türkis zu sein, damit echt passend zum Bus. Weitere Einblicke:

Ich entdecke mal wieder einen großen Holzhaufen und damit ein Hamamm, noch aber zu früh für meinen letzten Besuch in Marokko.

Interessant hier, dass sich durch geschickte Bauweise Brennholz einsparen lässt. Im Nebengebäude schiebt ein Bäcker Brote in einen Ofen der theoretisch schon unterm Hamamm sein müsste. Ich darf es mir ansehen und auch fotografieren.

Ansonsten hört man in den Gassen so langsam das klappern von Rollläden und damit den Aufbau der Marktstände. Nur ein Geräusch ist noch allgegenwärtiger. Elektrische Motoren und Sägen. Ein Zentrum der Pfeifenherstellung wie ich zuletzt schon bemerkte. Aus kleinen Ästen, also Rundhölzern des Eukalyptus, der Orange und Anderem oder aus Vierkanten von größeren Stämmen wird hier Drechselware in Stiftgröße hergestellt. Zwei- Drei- oder mehrteilig dann zusammengesteckt mit einem Tonköpfchen versehen kann die zum Konsum von Rauchwaren genutzt werden.

Werkstätten findet man in jeder Größe, meist nur 2 auf 2 Meter mit einer Bank. Der Kerl den ich besuche hat da schon mehr Luxus und ein Radio mit moderner Technik verbunden. Die Werkbank dann auch eine Kombination aus Nähmaschine, Bohrfutter und Elektromotor. Die Klinge zum rotierenden schnitzen dann selbstgebaut und die schnellen Bewegungen auf dem Werkstück ohne Skizze grob aus dem Gefühl. Im Ergebnis ist jedes Stück ein Unikat und handgearbeitetes Naturprodukt.

Ich bin natürlich nicht nur zum Gucken da und wir werden uns schnell einig, ich kaufe seine komplette vorrätige Produktion. Ich Suche natürlich auch die Tonköpfe dafür (die wiederum aus einer anderen Region kommen) Dafür schleppt er mich in einen schon geöffneten Shop wo vier junge Kerle Blütenblätter aus regionalem Anbau in Rauch aufgehen lassen. Hier finde ich weitere Produkte von der Drechselbank des netten Marokkaners der aber für ordentliche Konversation zu wenig französisch spricht. Hier im Norden könnte spanisch helfen, dessen bin ich nicht mächtig. Im Ergebnis hab ich trotzdem alles was ich suche und alle sind glücklich.

Alle? Naja auf meiner Agenda stehen noch Gewürze für Christie. Die Auslagen sagen mir zu und der Verkäufer versteht mich… auf geht’s.

Halbes Kilo hiervon, 250g davon… zu Preisen wie man in Europa die kleinen Streuer mit 20-40g Inhalt erwirbt. (Natürlich fliegen die nach einmaligem Gebrauch in die Tonne und aus Bequemlichkeit holt man sich einen Neuen wo das Etikett noch schön funkelt.)

Es wird gewogen, geschüttelt und sortiert, auf Wunsch pulverisiert oder gehäckselt dann eingetütet. Ich wüsste nix, was es hier nicht gibt, vieles davon höre und sehe ich zum ersten Mal.

Und dann das Beste zum Schluß. Raz-al-Hanut heißt das Nationalgewürz in Marokko. Jeder macht es anders aus bis zu 40 verschiedene Ingredenzien. Der Verkäufer ein Spezialist, ich vertraue ihm und ordere ein Säckchen mittlere Qualität (Anzahl der Zutaten)

Sternanis, Zimt, Ingwer, Kardamon, Kurkuma, Lorbeer, Süßholz und viele andere Sachen die ich nicht identifizieren oder auseinander halten kann. Das alles geräuschvoll in den Zerstäuber und einem Ritual gleich zum Schluß im Beutel geschüttelt nicht gerührt… fertig ist die Würze für die nächsten 100+ Tajine. Ich lasse 8,-€ im Geschäft und bekomme dafür fast 3kg Gewürze, fairer Tausch und weiter geht es zum Reifen flicken.

Es klart etwas auf und der letzte Blick auf Ouezzane dann ohne Nebel. Das Rif Gebirge hat eine gut ausgebaute Hauptroute… die liegt von Hügeln eingefasst welche frisches Grün zeigen. Palmen werden rarer, es herrschen die Oliven ein weiteres Standbein der Region.

Es ist nicht mehr weit bis zum Hafen, ich muss wieder nach Ceuta und hab an eine Überfahrt Morgen gedacht. Bleibt also noch Zeit für ein letzten Blick auf Chefchaouen, die blaue Stadt.

Es ist aber Wochenende und voller Troubel im Ort, man wird nicht mal im Auto in Ruhe gelassen. Jeder quatscht dich an, Touris sind hier gerne und leider zu oft als erste Anlaufstelle und deshalb noch leicht zu überrumpeln. Ausserdem wird dir überall (flüsternd) marokkanische Schokolade angeboten… Ich nehme den direkten Weg wieder raus ohne einen erneuten Blick in die Medina. Die zwar hübscher ist als im letzten Ort aber dafür echt anstrengend. Ausserdem gibt es heute keine Parkplätze, soll wohl so sein.
Ich tausche am Wegesrand noch die letzten Klamotten die weg müssen gegen eine mittelgroße Tajine, ne Schachtel Bakschichzigaretten (die also sonst für Bestechungen gut war) gegen eine Gasflaschenfüllung. Meine Liste wird immer kürzer… Vorbereitung auch im Abgang ist alles. Am Wegesrand dann eine erneute Erinnerung an die Heimat… mein Stricher wartet dort auf mich. Wurde von meinem Dad zwischenzeitlich öfter mal ausgeführt.

Das Rif liegt nun hinter mir, Tetouan voraus. Doch auch hier schreckt mich das Chaos ab. Meine letzten Erledigungen müssen also warten. Es ist zwar schon dunkel aber ich ziehe weiter. Leichter gesagt, denn die Hauptstraße wird grad gebaut und die Umleitung durch die Altstadt ist zu steil für Stop&Go. Wenn bisher noch was ging ist es Dank mir nun unmöglich, ich muss wenden… mit dem Anhänger. Es folgen die ersten Ausläufer Europas. Leider ohne Bilder aber schon oftmals erwähnt. Martil und Mdiq und Mittelmeer dann ein völlig anderes Marokko. Nicht nur breite beleuchtete Straßen und gefegte Gehwege, auch Nachtclubs und gut angezogene Passanten. Gepflegte Vorgärten und schicke Villen hinter dicken Mauern. Hotelanlagen mit all den fancy Namen dafür liegen dazwischen. Und am Auffallendsten mal wieder die Sommerresidenz vom König. Zaunhöhe zum Nachbarn irgendwas zwischen 10 und 12m und der Kilometer Mauer nahe der Straße mit 3-4Wachen in besten Uniformen bewacht… nicht in der Summe, sondern alle 50m! Hab es schonmal erwähnt, wäre gespannt, was hier im Sommer los ist, wenn der wirklich mal anwesend ist.

Für mich heißt es wenige Kilometer weiter an einer hübschen Promenade die letzte Nacht auf dem Afrikanischen Kontinent verbringen. Der Strand in Sichtweite, nur betreten darf ich ihn nicht. Ein Posten alle paar hundert Meter, nachts betreten verboten, zu nah liegt Europa, zu groß die Gefahr der illegalen Übersetzer.

2 Gedanken zu “Roadtrip Marokko – Blues von der Straße

  1. Alexander Alka schreibt:

    Super spannend deine Reise – so viel erleben viele nicht in 100 Jahren – auch der Norden hat seinen Reiz und ganz schlecht ist es ja in Europa auch nicht. Genieß deine Heimfahrt und freu dich auf deine Freunde… Grüße Alex

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