Von rotem Staub und eintöniger Piste

Wir verlassen also den paradiesischen Strand und sind wieder „on the road“ wenn man den Pfad hier so beschreiben kann.

Gebüsch und Palmen kratzen an jeder Ecke vom Bus und die rote afrikanische Erde staubt auch etwas wenn man mal die Vegetation der Oberfläche abgeschabt hat. Besonders erschreckend dann die Schneise der Minenroute, die in den Dschungel geschlagen wurde. Das staubt so sehr wenn jemand die Piste passiert, dass alle Pflanzen ringsum vom roten Überzug eingehüllt sind.

Bei dem Anblick wussten wir leider noch nicht, was in einigen Kilometern auf uns zukommt. Wir freuen uns aber erstmal über eine stabile Brücke den Fluss passieren zu können und dahinter entgegen der Karte eine richtige Asphaltstraße vorzufinden. Die Fahrt zur Hauptstraße eine schon fast langweilige Angelegenheit. Dieser folgen wir dann in Richtung Boke einer weiteren Provinzhauptstadt. Auf dem Weg treffen wir den Bruder vom Restaurantführer Usman, der beim Militär tätig ist und uns seine Nummer gibt, falls wir Fragen oder Probleme haben. Zumindest gab es keine korrupten Kontrollen mehr. Die Straßenränder wie überall immer wieder mit Hütten bebaut und die Anwohner handeln mit Holz oder Kohle, Palmöl oder Früchte, selbstgebastelte Liegen oder was auch immer in der Nähe zu finden, verarbeiten und verkaufen ist.

Boke ist dann wie alles andere eine Ansammlung von heruntergekommenen Hütten und wildes Markttreiben auf der Hauptstraße. Wir stocken nochmal Lebensmittel auf und haben auf der Karte ein Museum ausgemacht. Es ist heiß und die Sonne knallt, der schattige Parkplatz unterm Mangobaum des Museums willkommene Zuflucht. Ansonsten lohnt ein Abstecher aber nicht. Sehr verwahrloste Ausstellung wild zusammengewürfelter Exponate aus morschem Holz mit einer fetten Staubschicht überzogen. Früher mal gab es hier ne Ordnung und ein großes Haupthaus samt vier Nebengebäuden mit noch erkennbaren Beschriftungen der Ausstellungen. Aber irgendwie sind die Nebengebäude nun Werkstätten für Holzkünstler, die übliche afrikanische Andenken schnitzen und verkaufen wollen. Nix außergewöhnliches dabei und die Preise auch hoch. Das sehenswerteste Foto zeigt eine Ecke im sonst verwahrlosten Museum.

Ansonsten finden wir eine leere Vitrine und weiteren zerbrochenen Plunder. Das brauchbare wohl schon verkauft. Gäste haben sich hier schon länger nicht verirrt, man hätte deren Fußabdrücke im Staub entdecken können.

Übrig geblieben ist nur diese Trommel aus Ton aber unhandlich und schwer zu transportieren.

Wir ziehen enttäuscht weiter und haben zwar keine Eile, uns hält aber unterwegs nix auf. Nur wenige Kilometer hinter Boke bei Tanene verhält sich die Realität im Vergleich zur Karte anders herum. Die Asphaltstraße geht weiter ins Landesinnere nach Sangaredi und für uns Richtung Grenze gibt es nur eine Piste. Aber wir haben von mehreren Quellen gehört, dass wir bei Foulamori über die Grenze müssen. Das sind von hier aus noch unglaubliche 230km und wir hoffen es kommt bald wieder ne richtige Straße. Immerhin ist hier auch 40Tonner Verkehr.

Die staubige Wolke zieht sich ne Weile und auch unsere Busse produzieren massig Dreck. Dieser zieht durch alle Ritzen auch wenn die Reisegeschwindigkeit aufgrund der Pistenverhältnisse nur knapp 20km/h im Durchschnitt ist. Binnen einer Stunde, also einem optimistischen Zehntel der Strecke ist im Bus alles rot.
Die Hoffnungen auf Asphalt schwinden mit jeder Stunde und die letzte Abzweigung dann eine finale Enttäuschung. Unsere Route führt uns sogar zur optisch noch schlechteren linken Piste. Über die Fotoqualität hab ich auch nur Dreck auf Scheibe, Linse und in der Luft anzumerken.

Ich bereue die Bemerkung vom Morgen, wo ich den Weg vom Strand als langweilig auf Asphalt bezeichnete. Jetzt ist das Stresslevel Oberkante Unterlippe und wir haben so dermaßen die Nase voll von Staub und Rüttelpiste, es fehlen die Worte. Jeder deutsche Feldweg ist besser zu fahren, glaubt es mir. Und immer im Kopf die über 200Kilometer bedeuten also um die 12Stunden Fahrt. Man kann sich solch eine Piste nicht als Schneise nur ohne Asphalt vorstellen. Es gibt zusätzlich Schlaglöcher die mit jeder Benutzung ausgefahrener werden, Bachläufe oder Wurzeln die Querrillen erschaffen, Lose Felsbrocken die sich zu anderen Unebenheiten gesellen, schlechte Anschlüsse bei Brücken und Unterführungen. Man kann also nicht einmal gemächlich durchziehen.

Irgendwann steigt mein Radio aus, in den Schränken ist schon alles „neu organisiert“, Atlas hat auch keinen Bock mehr und versucht auf dem Beifahrersitz zu schlafen. Ich entfliehe der Realität mit Kopfhörer und Film vom Laptop. Diesen mit Schaumstoff auf dem Armaturenbrett immer mal wieder in Position gerückt lenkt die schlechten Gedanken ab und gibt immer mal wieder Zeit für nen Blick auf die Ideallinie. Zwei Filme schaffe ich, also knapp 4Stunden bis Olli nicht mehr in meinem Rückspiegel auftaucht. Der MB407 schlägt sich aufgrund meiner Fahrwerksumbauten besser auf den Pisten und ich muss immer mal anhalten um den 613er aufholen zu lassen. Doch diesmal kommt nix, ich lasse den Anhänger stehen und bin somit noch flotter fast schon leichtfüßig auf dem Rückweg um ihn wenig später am Straßenrand zu finden.

Reifenschaden am Anhänger und dieser bedingt durch schlaffe Torsionsfedern und ständiges anschlagen an den Schutzblechen des kleinen Moppedschleppers. Deshalb kommen die beide noch fix ab und mit dem Reserve Rädchen geht es weiter… wir haben ungefähr Halbzeit.

Hiervon habe ich leider kein Foto.

Die Dämmerung rückt nahe und wir wollen noch den nächsten Ort passieren. Mitten im Nirgendwo war bis jetzt immer eine fragwürdige Kontrolle und auch hier pfeift uns ein Typ im Borussia Dortmund Trainingsanzug aber mit einem Polizeiausweis heraus. Wir geben ihm unsere Kopien der laissez-passer (Zollscheine) und sollen ihm zum Büro folgen. Handschriftlich steht Polizei über der Tür und in den 8m² steht ein Schreibtisch und zwei Stühle. Eine Flagge und ein Bild vom Präsidenten. Uniform ist in der Wäsche sagt er auf meine Nachfrage in schlecht verständlichem Französisch. Wir sollen wegen fehlendem Sicherheitsgurt (obwohl wir beide unsere Attrappe angelegt haben) >Infraction< also Verwarnung bezahlen.
Ich bin genervt, könnte man behaupten, den ganzen Tag Staub geschluckt, kein Ende in Sicht und dann so ein Spinner. Olli hat aber keinen Bock zu diskutieren und will die Cinq Mille bezahlen. Er holt Geld und gibt es dem gelben Männchen der erstaunt fragt was das soll. 5Tausend hab ich verstanden, er schreibt nun aber Cent Mille also Hunderttausend auf einen Zettel. Ein Blick zu Olli, wir sind uns einig, ich sage ihm wir holen Geld, setzen uns ins Auto und verschwinden. Der Kerl hat nur unsere Kopien und war bis auf einen netten "Kumpel" alleine. Eine Verfolgungsjagd bei 20km/h Rüttelpiste kann ich mir nicht vorstellen und es kommt auch niemand hinter uns her. Zur Sicherheit fahren wir aber weiter als bis nur hinter den Ort und damit erneut in die Nacht hinein.

Eine weitere Erfahrung solch schlechte Straße bei fehlendem Tageslicht zu benutzen. Der LED-Strahler ist auch keine Hilfe, eher wie Fernlicht im Nebel. Die ganzen Schwebeteilchen in der Luft leuchten eine blasses Rosa durch die Frontscheibe. Vielleicht sollte man einen zweiten auf Fahrbahnhöhe an der Stoßstange anbringen. Ich entdecke noch einen liegengebliebenen Trailer ohne Zugmaschine in einer schlecht überschaubaren abschüssigen Kurve und bin nun vollends fertig mit der Welt. Nächste Möglichkeit ist unser Halt.

Eine kleine Einbuchtung, die wohl öfter mal als Trucker Nachtlager oder Wendeplatz dient kommt genau richtig. Für heute Feierabend und verspätetes Abendessen. In der Nacht dann ab und an mal höllisches gepolter als ein weiterer Laster ohne Rücksicht auf Verluste die Piste entlangbügelt. Die rote Erde in Afrika, ich hasse sie.

Am nächsten Morgen sieht es auch nicht besser aus, Halbzeit, wenn wir optimistisch denken. Noch nicht einmal die Stelle erreicht, ab wo wir mit einer Piste gerechnet haben. Der Nachtplatz nicht weit vom Kogon entfernt, der Fluss, dessen Überquerung für unsere Busse am südlicheren Grenzübergang unmöglich sein sollte. Der Spaziergang mit Atlas bescheinigt ein knapp 100-150m breites Schlammgewässer mit wildem Bewuchs an den Ufern. Die Umgebung sonst das übliche rot-grüne Bild… weiter geht’s.

Der Bewuchs wird spärlicher, die Gegend zusätzlich hügeliger, kein Ende in Sicht. Die Tanknadel neigt sich dem unteren Anschlag und keine Möglichkeit zum Nachfüllen. Es gibt einigen Verkehr aber Infrastruktur ist hier einfach das Problem.

Immerhin haben wir ne Reserve auf Ollis Dach und deshalb keine Panik. Dach ist auch wieder mal das Stichwort und im nächsten Ort werden Taxis vollgepackt bis auf den letzten Zentimeter. Auch fährt der alte Renault 21 nicht ab bevor nicht jeder Platz verkauft ist. Afrika live.

Koumbia heißt dann die Rettung und es gibt sogar Diesel. Die Zapfsäule aus den 80ern und die Pumpe da drin muss per Hand in Schwung gebracht werden.

Auch Wasser gibt es ein paar Meter weiter und Handbetrieb natürlich auch hier.

Ein weiterer gigantischer Baum erweckt meine Aufmerksamkeit. Die gewundenen flachen Wurzeln ein Meisterwerk und die gesamte Erscheinung ist monumental. Solche Naturgiganten liebe ich. Wir Menschen nur kleine Lichter. Wir finden unseren Abzweig Richtung Foulamory. Sind nun nicht mehr auf der Hauptstraße, oder Hauptpiste und nehmen eine Nebenpiste in Richtung Bissau. Den ganzen Tag Staub und Dreck reicht schon wieder, waschen ist nun oberste Priorität. Wir beschließen etwas zeitiger Feierabend zu machen und die letzten 80 Kilometer zum Grenzübergang Morgen aufzunehmen.

Ein endlich mal ansatzweise idyllischer Schlafplatz mit Internetempfang kurz hinterm Ort. Auf einer Seite löst eine Felsformation die übliche Dschungellandschaft ab. Etwas zum Erkunden für den Gassigang zum Tagesanbruch. Der angrenzende Fußballplatz zieht zwar einige Besucher aber ab Dunkelheit haben auch wir Ruhe. Ein seltener öder Tag wo man sich ehrlich und tief drinnen fragt, warum der ganze Scheiß. Es gibt so schöne Orte mit Autobahnanbindung, Zivilisation und nem Nachtleben. Aber das gehört nun mal zum Abenteuer… und das ist der Antrieb.

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