Debele – erstes Paradies in Guinea

Der Vorfall am Kontrollposten gestern und der dreiste Abzock-Versuch der Polizei in der Provinzhauptstadt gab uns die Nacht über zu Denken. Was kommt noch, wie verhalten wir uns in Zukunft, wird es Richtung Hauptstadt noch schlimmer? Ist man in Guinea als Weißer sicher? Wie besprechen am Morgen auch aufgrund der Erklärungen der Gendarmerie, dass Posten nur mit offiziellem Fahrzeug, Warnschildern und Uniformen mit Schulterabzeichen sowie Mütze üblich sind, dass wir deshalb alles andere zukünftig höflich ignorieren. Wir beobachteten oft genug, dass sich einige trotz Trillerpfeifen nicht aufhalten lassen und die Hemmschwelle der Verfolgung dann zu groß ist. Wenn man erst mal in den Fängen von Banditen landet ist der Ausgang ungewiss, es geht eher nicht um das Geld welches ich nicht bereit bin zu bezahlen, aber wer weiß wo dann Ende ist, was passiert wenn uns wirklich Papiere verloren gehen? Da fühle ich mich im Bus sitzend doch sicherer. Wir starten also unsere Fahrt nach Conakry und hoffen in Ruhe und sicher anzukommen. Die Straßen sind schlecht, immer mal wieder einige Bauabschnitte doch in der Summe bedarf es einer Komplettsanierung der Hauptstraße des Landes.

Wir passieren kleinere Orte und sind immer wieder erstaunt wie sich Menschen hier zusammenfinden und die schon enge Straße noch zu einem Nadelöhr machen. Markt für den Durchgangsverkehr und zusätzlich parkende Taxis und prompt anhaltende Mofas für die Personenbeförderung. Die meisten Einkäufe werden seit Mali schon auf den Köpfen heim getragen und bunt gekleidete Frauen gehören überall zum Bild. Zu viel zu beschreiben, deshalb mal alles in bewegte Bilder als clip gefasst.

Und wenn ich schon dabei bin dann muss auch dieses kleine Video Beachtung finden. Straßenverkehr ist für mich auch immer ein Einblick in Kultur und Gesellschaft. Der Zustand der Autos hat sich seit Mali wieder gebessert, Höherlegungen an der Hinterachse sind hier obligatorisch. Fahrzeuge werden so voll beladen wie es geht, und das bedeutet nicht, dass selbst bei geöffneter vollgestopfter Heckklappe Schluss ist. Dachträger sind meist direkt auf die Außenhaut geschweißt und Dachlastbegrenzung hier ein Fremdwort. Alles wird gut verschnürt und meist mit Netz oder Plane fixiert, auch Mofas gehören oben drauf transportiert, üblich neben Säcke sonst Tiere und Ersatzräder. Und bei den Temperaturen hier ist ne Open-Air-Fahrt angesagt und anscheinend bequem.

Ein nur kurzer Einblick von den üblichen Variationen, auch öfter stehend auf der Anhängerkupplung, die wohl noch aus Europa übrig ist und sonst nicht interpretiert werden kann außer als Trittstufe. Anhänger hab ich noch keine gesehen, wäre hier wohl ein Verkaufsschlager! Ansonsten hängt Federvieh gerne Kopfüber am Außenspiegel oder Heckwischer, bei teurerer Fracht wie ner Ziegenkeule auch gerne im Sichtbereich auf der Motorhaube, vielleicht auch zur Garung als Snack unterwegs? Die Dachpassagiere haben manchmal sogar die Funktion der Ladungssicherung. Auf dem hohen schwankenden Minibussen müsste man bei der holprigen Strecke ja öfter mal anhalten zum Check ob noch alles da ist. So hab ich schon erlebt, dass der Passagier sich nach vorne arbeitet und den Fahrer durch trampeln auf dem Wagendach zum Anhalten überredet. Vielleicht dafür auch ne Freifahrt, ich werde es auf jeden Fall im Gedächtnis behalten aber nicht selbst versuchen.
Wir kommen relativ gut voran, zwei ordentliche Kontrollen mit sehr freundlichen Beamten stärkt unser Glauben an die Guineeaner, Guinees, Guinesen ?… wie auch immer. Die nächste Provinzhauptstadt Kindia steht an. Wir müssen erneut dank der sehr kleckerhaften Abhebungsmöglichkeiten eine Bank suchen und haben sonst kaum Lust mehr Dinge in größeren Menschenansammlungen zu erledigen. Außerdem ist es heiß, staubig, stickig, schwül… hab mich glaub ich noch nie so sehr nach einem kühlen, klaren Wintertag gesehnt. Der arme Atlas, den ganzen Tag am hächeln, aber sein Fell sollte ich eher nicht scheren, unterm weiß gibt’s sonst Sonnenbrand auf der Haut auch nicht gut.

Ein drittes Video gibt es heute noch. Wir wunderten uns schon Kilometer zuvor, dass etliche Menschen mit den üblichen gelben Kanistern unterwegs sind. Kinder tragen 15-20kg auf dem Kopf und Mofas beladen wie ich es nicht geglaubt hätte. Der Geruch ändert sich schlagartig auf Diesel. Ein Tanklaster ist in einer Kurve von der Straße abgekommen und umgekippt. Für die Bevölkerung eine lohnenswerte Beute, aktuell aber ist von Uniformierten das abzapfen mit Knüppeln unterbunden. Aus der anderen Richtung kommen weitere Scharen von Schaulustigen und Sammlern, es spricht sich wohl rum wie ein Lauffeuer und noch 5km weiter sehen wir Leute mit Kanistern pilgern. 40.000Liter passen in solch einen Laster. Macht in der Summe 3.500.000.000 also 3Millarden 500Millionen Franc Guinee

https://player.vimeo.com/video/256748067

Ab Kindia beginnt dann der subtropische Bereich, auf jeden Fall ist die Region für ihre Agrarerzeugnisse berühmt. Und jetzt wird es interessant. Neben den schon lange üblichen Bananen und Papayas gibt es jetzt Ananas im Angebot. Meine erste mit eigenen Augen gesehene Plantage hinter der Stadt. Der Großteil aber immer noch unorganisierter Kleinanbau überall.

Ich weiß nicht ob es dafür Saisons gibt, die Plantage sieht recht jung aus. Die Früchte am Straßenrand sind aber weich und reif und für ne handgroße Ananas zahlt man 5.000FG also 50ct. Kindskopfgroß kostet doppelt so viel und ist ebenso lecker. Bananenstauden sind in der Plantage hier auch noch übersichtlich, und Papayabäumchen anscheinend mehrjährig immer mal dazwischen. Man, könnte ich hier einen lustigen gesunden Kleingarten zusammenstellen.

Wir sind also angekommen wo es warm und bunt wird. Selbst die sonst eintönigen Agamen und Echsen zeigen hier etwas Zier und sind deshalb mal fotogen.

Ebenso sehenswert dieser einfache Schuppen der mit Bambusbalken dekoriert ist, die Dinger wachsen hier auch und sind beliebtes Baumaterial. Sollte ich mir auch ein paar Stücke für die nächsten Projekte mitnehmen…

Mit Gemüse sieht es sonst eher schlecht aus, Tomaten meist schon gammelig, aus scharfen Paprika kann man nicht all zu viel anfangen und nur Auberginen sind auch doof. Es gibt noch gelbe und weiße Fleischtomaten die aber zum Rohverzehr nicht taugen da bitter, meist in Beilagen eingekocht. Kartoffeln gibt es noch und wir sind soweit erstmal für ein paar Tage ausgestattet. Wir haben eine Region im Auge die als Startpunkt eine Fahrt nach Conakry in einem halben Tag ermöglicht. Wir wollen nicht spät in den Troubel einkehren suchen deshalb ne Zwischenstation. Mit Debele und einigen Stauseen und Wasserläufen sieht das auf der Karte recht vielversprechend aus. Abseits der Nationalstraße 1 dann mal erstaunlich guter Asphalt, weil hier wenige Kilometer weiter eine große Bauxit-Mine steht. Ein Stück weiter passieren wir eine Brücke und sehen beide das Paradies neben uns, sogar eine Piste etwas zurück und für uns befahrbar. Beim Abparken ist es schon beschlossene Sache, hier bleiben wir ne Weile, haben ein schattiges Plätzchen mit fließend klarem Wasser neben uns zusätzlich Ruhe und Abgeschiedenheit.

Der Schatten kommt erst am Nachmittag und ist dann auch viel notwendiger. Das Sonnensegel hatte bisher noch nicht all zu viele Einsätze, war aber die Arbeit mit der Kederschiene an der Dachrinne wert und ist so echt angenehm. Tagsüber bringt auch der Bus kaum Schatten da die Sonne fast direkt über uns steht.

Herrliches Nichtstun wäre angesagt, doch auch dafür ist es zu warm… Abkühlung wenn auch minimal bringt nur das fließende Wasser und Beschäftigung findet sich dort auch.

Die Teppiche entlassen langsam den Staub der sich seit Mauretanien angesammelt hat, Ausschütteln hilft da schon lange nicht mehr. Auch an Klamotten hat sich einiges zum Waschen angesammelt und bei uns immerhin ohne das Waschmittel direkt in den Fluss gelangen zu lassen. Autowaschen samt Sitzbezüge und Kinder samt Klamotten die auf der Rücksitzbank waren. Ein Familienausflug zum Fluss ist hier üblich und auch Schauspiel für uns. Der kleine alte Peugeot wird dafür direkt in fließendes Wasser gefahren und Innen wie außen mit dem Eimer abgespült, wenigstens ohne weitere Chemie. Trocknen tut die Karre dann binnen 30Minuten in der Sonne während die Kids ihre Klamotten ähnlich unserer adaptierten Technik auf den Steinen durchwalken. Ein Foto hab ich leider nicht von der Aktion, Beschreibung muss genügen.

Das Panorama zeigt den Bachlauf in seiner ganzen Pracht, das Wasser relativ klar, am kommenden Morgen filtere ich etwas davon durch eine mehrlagige Nylon-Trichter-Bastelei in ausrangierte Plastikflaschen um es in der Sonne mit gratis UV behandeln zu lassen. Danach kommt es in meine Filteranlage und ergibt Trinkwasser.

Ich bin zuvor dem Bachlauf aufwärts gefolgt und habe mich vergewissert, dass der nix mit der Mine zu tun hat. Dem Lauf folgend geht der in einen größeren über und wird später aufgestaut und zur Energiegewinnung genutzt. Vorher gibt es einige schöne Ansichtskartenmotive und entspannte Ecken.

Auch Atlas freut sich über die Ausflüge quer durchs Wasser, Abkühlung und Abenteuer in einem, er folgt mir gerne.

Wir finden eine abgelegene und verlassene Strohhütte und können mal die Architektur von Innen bestaunen. Hätte ich nicht andere Pläne wäre das nen Ort der sich zu Okkupieren lohnt. fließendes Wasser und ne kleine Hütte… und wieder einen Traum auf der Liste.

Wie man hier Geld verdient zeigt die kleine Familie die sich am zweiten Tag in der Nähe beschäftigt. Die Frauen tragen Baumstämme heran und der Patron stapelt diese auf. Ich stelle mich vor und erbitte Fotoerlaubnis, alle freuen sich.

Nach ner guten Stunde in praller Sonne ist die Miete formschön aufgeschichtet, innen die dicken, aussen die kleineren. Nun wird trockenes Gras in büscheln gesammelt und hergschafft.

Das Stroh folgt dann als Abschluß, bevor alles mit Sand überdeckt wird. Wohlgemerkt ist es Mittagszeit und wir sitzen lieber im Schatten. Immerhin auch schon ermüdend für dei Frauen die dem Alten beim schaufeln zusehen, gibt auch nur eine Schaufel.

Mit einigen Holzverstärkungen wird dann an verschiedenen Stellen Feuer gelegt und spätestens jetzt sollte jedem klar sein, dass hier Holzkohle auf traditionelle Weise verkokt wird. Es raucht und der Wind steht günstig, unsere Busse sind nicht in Gefahr.

Am Abend wird nochmal kontrolliert und mehr Sand aufgehäufelt. Brennen darf es ja nicht. 15.000 FG bekommt er für einen Sack Holzkohle, und wir reden hier von einem der großen ehemaligen Getreidesäcke die wie ne Maßeinheit selbst behandelt werden. 1,50€ und er erhofft sich 12-15 Säcke als Ausbeute. Das Land gehört niemandem und Bäume stehen ebenfalls frei für jeden verfügbar. Aus einem Tag Arbeit also auch hier wie bei den Ziegeln eine recht überschaubare aber ohne Einsatz von zugekauften Erzeugnissen mögliche Gelderwirtschaftung. Wenn ich mir überlege was der Sack Buchenholzkohle in Deutschland kostet, und das wird wahrscheinlich in einer Fabrik ohne viele Arbeiter hergestellt, teuer verpackt und mit aufwändiger Logistik verteilt, hier gibt’s Kohle bei so einigen Straßenhändlern.

Natürlich bekamen wir schon am ersten Abend Besuch, gleich dreimal stellte sich jemand als Kommandant der Gendarmerie der Region vor, der erste war anscheinend der Richtige Boss und wir teilten den Anderen mit, dass wir dessen Erlaubnis haben hier zu bleiben. Eine Kaserne befindet sich kurz vorm Ort, wahrscheinlich aufgrund der für die Region wichtigen Mine. Bauxit wird abgebaut und ist wichtig für die Aluminiumindustrie. Vielleicht sogar auch in der Nähe, da viel Energie benötigt wird und der Staudamm ein Elektrizitätswerk besitzt.

Wir bekommen davon aber nix mit, es ist ruhig und sehr entspannend hier, etwas Ruhe haben wir nötig und entscheiden noch nen Tag zu bleiben. Endlich Paradies gefunden in Guinea. Am nächsten Tage qualmte der Haufen immer noch war aber nach Kontrolle noch nicht reif zur Ernte…

Wir wollen nicht warten und machen uns langsam wieder auf den Weg.

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