Guinea mittendrin und in Aktion

Unser folgender Tag bedeutete auf der Route nach Westen Richtung Conakry fahren. Die Strecke zur Hauptstadt brachte wenig Abwechslung. Die Straße mal wieder eine Ansammlung von Schlaglöchern wogegen mein Bus oder meine Fahrkunst langsam immun geworden ist. Es wird langsam hügeliger und der Niger ist auch nicht mehr direkt in der Nähe. Die Vegetation zwar dichter bewachsen, aber irgendwie unspektakulär. Viele trockene Laubbäume, dichteres Unterholz aus Gräsern und Gestrüpp und wenig Sehenswertes am Rande. Unsere Kopien der Papiere werden an allen Posten die immer mal abwechselnd aus Zoll, Polizei oder Gendarmerie meist unter schattigen Bäumen am Straßenrand stattfinden nett und freundlich ausgewertet. Macht wieder etwas Mut und stärkt das Vertrauen in die Bevölkerung. Gestern Abend hab ich „Blood diamond“ mit Leonardo DiCaprio gesehen, spielt im Grenzland Sierra Leone und Guinea vor einigen Dekaden und ist damit quasi live. Ich hoffe aber mal in den Köpfen weit entfernte Vergangenheit, die bisher getroffenen Menschen alle sehr freundlich. Das Leben natürlich sehr einfach und ursprünglich. Die meisten Bauernhöfe noch traditionell, Häuser aus Beton findet man meist in Stadtnähe und wenn zum Wohnen dann für reichere mit hohen Mauern umzogen.

Unser nächster Lagerplatz war mal nicht ganz so abseits, nur weg von der Hauptstraße hinter einem Hügel in einer Bachkurve. Dort wurde aus dem Lehm der festen roten Erde Baumaterial für traditionelle Hütten gewonnen.

Lehmziegel aus nichts anderem als Erde und Wasser. In eine hölzerne Form wird direkt am Boden der Schlamm gemischt und fest eingepasst. Davon schafft ein durchschnittlicher Arbeiter bis zu 1000 Stück am Tag.

Durchschnittlicher Arbeiter ist jeder, ich sah Jungen ab 7, Mädels um die 10 und Greise bis Ü60. Es war ein größeres Abbaugebiet und von mehreren Familien zusammen genutzt.

Der große Stapel im Hintergrund ist dann Stufe zwei, die getrockneten Ziegel werden grob in Form gebracht und aufgestapelt. Sind schon echt ne Menge. Für eine mittlere Hütte braucht man knapp 5000 wurde mir berichtet, ne Menge Steine.

Die Beschaffung von Holz ist dann auch ein Arbeitsgang, denn gebrannt werden die Ziegel noch und bekommen dadurch eine festere Struktur und dunklere Farbe. Und wieder will einer mit aufs Foto.

Der fertige Stapel geht dann zur Endkontrolle und es werden zersprungene Steine aussortiert, der Rest geht in den Verkauf und wurde hier grad von einem klapprigen LKW abgeholt. 500FG also knapp 5ct bekommt man für einen Ziegel. Eigentlich nicht schlecht, doch mehrere Arbeitsschritte und die Verladung sind da alles schon inklusive. Immerhin ist das Rohmaterial umsonst und wenigstens natürlich. Handgemachte Lehmziegel würden in der Heimat ein Vermögen kosten. Hier ernähren sich damit mehrere Familien.

Unser Platz auf der stoppeligen Wiese also in nächster Nähe und immer mal wieder gibt es Besucher. Der interessanteste am nächsten Morgen ein Typ in zerrissenem Hemd und auf nem klapprigen Moped wie immer. Doch er spricht englisch und hat damit heute gute Karten bei Olli der mit dem ewigen französisch echt genervt ist. Ich nenne ihn mal Michael, irgend was in der Richtung hat er gesagt. Er ist Lehrer hier und wir schneiden viele interessante Themen an. Zum Beispiel gibt es hier keine öffentliche Schule da das Örtchen zu weit weg von größeren Städten ist. Ein Transport wird aber auch nicht organisiert also bleibt nur übrig, dass Eltern ihre Kinder in die Privatschule schicken oder halt zum arbeiten wie hier. Die zahlen dann direkt bei ihm und das reicht nicht mal zum Leben, sodass er als Mechaniker am Nachmittag und Wochenende dazu verdienen muss. Er hat in der Hauptstadt studiert, kam aber hierher zurück weil er hier geboren ist, logisch.

Sein Englisch ist gut und wir sprechen auch über Steuern und andere Probleme im Land. Die schlechten Straßen, Korruption und ausländische Firmen die sich Bodenschätze unter den Nagel reissen. Es gibt keine Renten und auch wer krank ist muss erstmal im Krankenhaus bezahlen um behandelt zu werden. Bei den ganzen Unfallautos am Straßenrand sollte man immer hoffen, dass die Opfer Bargeld einstecken haben. Die folgende Brücke über den Fluß hat auch schon einiges Metall verbogen. Warnschilder oder Beleuchtung gibt es natürlich nicht.

Wir bedanken uns noch herzlich beim Lehrer den es freute mal wieder englisch zu sprechen. Ein paar Meter weiter kurbel ich am Straßenrand noch die heimische Wirtschaft an. 50.000FG also 5,- für den handgeschnitzten Mörser, da brauch nicht einmal ich verhandeln und Christie hat ein Mitbringsel.

Es zieht sich wieder ne Weile durch das hügellige Terrain. Wir sind guter Laune und hoffen heute noch irgendwo hinzukommen wo es sich lohnt ne Weile zu bleiben. Mal wieder ein Kontrollposten. Schattiger Baum, Straßenrand und Trillerpfeife. Wir sind „angeschnallt“ und haben Schuhe zum reinrutschen parrat. Die Fotokopien werden überreicht und wir sollen beide aussteigen und Warndreieck sowie Feuerlöscher zeigen. Hier wird nach nem Grund für ne Geldstrafe gesucht, ganz klar. Noch sind wir gelassen, das ändert sich aber bald, als unsere Originaldokumente gefordert werden. Die Situation wird immer lauter und aggresiver, ich zeige zum Vergleich einige Dokumente, lassen sie aber nicht aus der Hand. Einer markiert hier den großen und schreit uns regelrecht an wir sollen ihm jetzt sofort alle unsere Dokumente geben. Ich versuche es letztmalig in Ruhe, dass wir jedes Stück für Stück einzeln durchgehen können und es bisher immer so funktioniert hat, kein Grund zur Aufregung. Doch nix zu machen, und wir haben keine Lust hier wieder ausgeliefert zu sein. Dafür sind die Kopien gedacht, wir suchen das Weite.

Wir steigen ein und starten die Motoren, es wird hinterhergerufen und gepfiffen aber wir nehmen Fahrt auf und entfernen uns. Ich hatte schon alle Dokumente und Papiere zurück, Ollis Kopie vom Pass ist noch bei der Truppe, egal. Wir fahren einige Minuten und dachten schon es geschafft zu haben als neben mir ein Motorrad, auftaucht. die verbeulte XJ600 hab ich bei der Kontrolle stehen sehen, jetzt sind zwei Typen drauf und wollen mich zum Anhalten zwingen. Ich rufe ihnen durch das halb geöffnete Fenster zu dass wir nun Angst haben und gerne die Situation bei der nächsten Polizei klären können. Ein Zurück gibt es jetzt nicht mehr, auch nicht als sie versuchen mich von der Straße abzudrängen. Noch bin ich einigermaßen ruhig und halte an. Mir wird gedroht, zum Glück sind die nicht bewaffnet aber das haben wir vor unserer Flucht schon gecheckt.

Das Motorrad hat er direkt an meine Stoßstange geparkt, ich versuche zu erklären dass wir gerne zum Revier folgen. Das Foto hat die beiden erst Recht aufgeregt. Der andere Typ rennt um den Bus und versucht sogar meine Tür zu öffnen, jetzt reicht’s… Abfahrt. Zum Glück hab ich die Riegel innen vorgeschoben, Olli hinter mir wird zum Glück in Ruhe gelassen, ich hab das Sprechen übernommen, ich bin wohl der Boss.

Ich schiebe das Motorrad weg und hoffe nur dass der Kerl es schnallt und nicht umfällt. Er fährt los und wir haben unseren ActionThriller. Genau im richtigen Moment, denn ein Auto kommt von hinten, mal ohne Dachgarten und das heißt nix Gutes. Irgend ein älterer Kleinwagen, zum Glück nicht total Schrott und der Fahrer nimmt genügend Abstand fährt aber neben mir und die Insassen brüllen auf mich ein. Ich wedel und fahre Schlenker, gebe dem Motorradfahrer zu verstehen dass ich seine Abbremsmanöver nicht akzeptiere und es gibt einige Berührungen. Abhauen können wir mit unserem Leistungsgewicht eher schlecht, also müssen wir uns zur nächsten Stadt oder Polizei durchkämpfen. Dem Auto ist das anscheinend zu heikel auf der Gegenfahrbahn und er ordnet sich hinter mir ein, das Motorrad immer noch auf Kampfstellung und es zieht sich so einige Kilometer bis wir endlich in Sichtweite einer Moschee gelangen.

Puhh, sie drehen ab und wenden, fahren anscheinend zurück. Wir halten direkt vor der Moschee und ich bitte die Leute davor um Hilfe, frage nach Polizei oder Gendarmerie und werde auf den nächsten Ort vertröstet. Da müssen wir jetzt durch und hoffen dass die Kerle sich nicht wieder an uns ranhängen. Zeit ist so dehnbar und vergeht nun anscheinend gar nicht. Niemals habe ich mir sehnlicher einen größeren Motor oder kleineren Bus gewünscht, ein Fluchtfahrzeig ist das definitiv nicht. Aber es ist auch Zeit zum beruhigen und Gedanken sammeln. Uns geht es gut (würde wohl sonst nicht davon schreiben) Wieder eine Erfahrung reicher auch wenn zum Glück nicht unbedingt die Premiere einer Verfolgungsjagd, wüsste nicht ob ich sonst so gelassen geblieben wäre.

Wir erreichen Timbo und zu allem Überfluß ist hier heute auch noch Markttag, die Straßen voll. Wir parken und ich suche die Polizei, finde auch schnell jemanden der mich führt und berichte dem ersten Uniformierten, dass wir Touristen seien und etwas zu berichten haben. Ich hole Olli und nach der ersten Schilderung gehen wir mit zwei netten Polizeibeamten zusammen zur Gendarmerie. Deren Zuständigkeitsbereich und hoffentlich nicht die informierten Bosse der Prellaktionen. Doch es stellt sich heraus, dass gar kein Kontrollposten in besagte Gebiet angesetzt ist, auch wird uns erklärt, was eine Uniform der Gendarmerie ausmacht. Als wir bemerkten dass alle dort unterschiedlich gekleidet waren und keine offiziellen Fahrzeuge oder Schilder zu sehen waren wurde angemerkt dass es wohl Banditen gewesen seien. Da fragt sich nur wie weit die Jungs hier mitspielen oder ruhig halten und einkassieren, kann mir nicht vorstellen, dass sowas unentdeckt bleibt. Auf jeden Fall wird uns Mut gemacht, wir bekommen die direkten Telefonnummern vom Polizeichef und Kommandanten der Gendarmerie und man zeigt uns noch wie eine Identitätskarte eines richtigen Beamten aussieht.

Mit gutem Gefühl und erleichtert machen wir uns nach kleinen Besorgungen wieder auf den Weg. Trotzdem wollen wir recht zügig durch die Region und kommen bald zur Hauptstadt Mamou. Mal wieder eng und Chaos, wir finden an der Hauptstraße keine Bank und ich frage an der Tankstelle. Wir stehen wie üblich ungünstig und sofort ist ein Polizist in diesmal schwarzer Uniform zur Stelle. Nett lächelnder gemütlicher Kerl und ich frage ihn nach der Bank, er hätte mich sogar mit dem Moped mitgenommen wir sollen aber erstmal woanders parken. nur 100m weiter ist Platz im Dreck vor dem Jugendzentrum.

Olli hält die Stellung und ich gehe nen Automaten suchen. Werde zum Glück fündig und belohnt und mache nen Schlenker über den Markt. Die üblichen Angebote, der normale Wahnsinn, nicht weiter berichtenswert. Doch hinterm Markt verschlägt es selbst mir die Sprache. Kühe auf Müllhalden grasend haben wir schon mehrfach beobachtet… aber während diese in Flammen stehen.

Schnell weg hier, Olli erwartet mich auch schon. Umringt von einer Traube in blauen Trainingsanzügen und einem Uniformierten. Ein richtiger Polizist und seine Untergebenen beim Dienstsport Fußball. Sahen wohl die parkenden Busse und müssen natürlich noch Papiere checken. Wir wieder alles am Start und diesmal wird sogar nach nem Impfpass gefragt. Suche dauert ne Weile, kann aber auch befriedigt werden. Stehen jetzt schon wieder 10Minuten hier… wo wir anscheinend nicht parken dürfen, dass ist nun das Problem. Ich erkläre, dass ein Kollege in schwarzer Uniform uns hergestellt hat damit ich schnell zur Bank kann und wir sind auch sofort weg. Ausserdem kein Schild und nix zu erkennen. Unser gerade frisch in die Ordnungsmacht aufgebautes Vertrauen schwindet als mehrfach erwähnt wird, dass Verwarnungen für Falschparker hier bei einer Million liegt… Eine Million und damit auch in Euro 100,-. Ich habe nicht vor zu zahlen, die Bank hat auch nicht soviel ausgespuckt, es wird wieder vehementer gestritten und ich bin schon drauf und dran zur Tanke zurück zu laufen um nach dem Polizisten dort Ausschau zu halten. Dank glücklichem Zufall kommt er grad angefahren und ist echt ein netter Engel. Völlig verwundert diskutiert er mit den Anderen, scheucht sie regelrecht weg. Er ist wohl von der Verkehrswacht, die Anderen vom generellen Polizeidienst… Wir dürfen also ohne irgend eine Strafe abfahren und sind mal wieder im Vertrauen erschüttert.

Es ist schon wieder spät geworden, heute gibt es was unterwegs zu Essen, an der nächsten Tanke wird das frische Geld gleich verkloppt und wir dürfen auch parken, gegenüber ist ein Restaurant… wenn man das so nennt. Töpfe am Straßenrand und immerhin Bänke unterm Vordach. Wir bestellen Essen, von allem etwas und Überraschung. Einmal Fisch, einmal Huhn, soviel haben wir verstanden. Plastikteller, kein Besteck, immerhin können wir uns im Eimer um die Ecke die Hände waschen, Guinea live…

Spaghetti und Bohnen machen sich echt blöd mit den Fingern, Fisch nehme ich und Olli hat das Huhn, dafür machen sich die angeborenen Griffel recht gut. Satt geht es weiter und wird schnell dunkel. Wir haben keinen Bock nachts einer Kontrolle zu begegnen, ein Plätzchen am Straßenrand ist hier aber auch schwer zu finden. Alles zugewuchert und bewaldet, hügelig und kurvig, dem Dschungel ähnlich. Dann endlich eine Ausfahrt, eine Ebene wo Baumaterialien für die Straßenrenovierung gelagert werden, ideal und Gute Nacht… War es eine Gute Idee nach Guinea zu fahren?

Ein Gedanke zu “Guinea mittendrin und in Aktion

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