Dem Niger folgend

Nach unserer Odyssee an der Grenze hatten wir am Abend nur noch einige Kilometer geschafft und eine abgelegene Stelle zur Übernachtung gefunden. Nicht auf der Flucht aber trotzdem ohne Wunsch hier zu bleiben. Die Umgebung nur unwesentlich interessanter als der westen Malis. Die Erkundungen mit Atlas am Morgen brachten die üblichen Ansichten und Geräusche, man fühlt sich wirklich in Afrika. Wir fuhren also weiter in die erste Stadt Siguiri und hatten dort die üblichen Missionen, Geld tauschen, Lebensmittel suchen und diesmal auch ne Telefonkarte fürs Internet. Olli konnte sogar glücklich ne Stiege Castel Bier erstehen, knapp 15,-€ für 24 kleine Hülsen, und doch einige Läden die sowas hier vertreiben.

Ist auf jeden Fall gewöhnlicher als in einer Bank Geld zu tauschen. Sowas geht hier nirgends und auch die meisten Automaten wollen mit Ollis Visa-Karte nix anfangen. Der letzte Automat spuckt dann immerhin knapp 60,-€ aus, was immerhin einen Batzen ausmacht, der selbst in den größten Scheinen des Landes fast nicht durch den Schlitz passt. 20.000 FG ist der größte Geldschein und damit 2,-€ wert, man stelle sich damit den Autokauf vor…

Der 10.000er fehlt oben im Bild, hatte ich ja im letzten Beitrag schon zur Genüge gezeigt. Die 500er und 1000er sind meist total abgegriffen, das Geld der kleinen Leute für etwas Brot oder ein Stück Obst. also 5-10Cent wert. Die meisten 20.000er sind druckfrisch.

Internet geht sogar mit 3G und ich hole zur Mittagszeit im Schatten stehend schnell noch ein paar Meldungen nach, uns gibt es noch, nicht entführt oder ähnliches. Die Hauptstraße in den Rest des Landes führt nun parallel zum Niger bis Kankan, der Provinzhauptstadt die wir lieber auslassen wollen. Wir folgen lieber dem Lauf des Niger und sind nicht besonders erstaunt, also die Nationalstraße direkt an der Einmündung zu einer roten Piste wird. Afrika live und abseits von Asphalt, na dann los.
Die Geschwindigkeit aufgrund der Straßenverhältnisse und des Staubaufkommens diesseits der 30km/h und die Strecke vor uns noch knapp 80Kilometer. Dafür geht es entschleunigt voran und man spürt das wahre Leben hier in der Region. Touristen verirren sich wohl selten, ist aber eine schöne Route.

Es wird wieder Zeit fürs Nachtlager und ich will den Niger mal in seiner ursprünglichen und hoffentlich noch sauberen Lage sehen. Die großen Städte folgen erste stromabwärts, die Zustände dort wurden ja schon erläutert. Hier finden wir weite Ufer mit viel Landwirtschaft, sandige Inselchen und Becken in denen sich der Fluß in der Regenzeit ausdehnen kann. Die Suche nach nem Pfad zum Ufer wird für die Busse trotzdem schwierig und wir kommen nicht direkt ran, haben trotzdem schöne Bilder vorzuweisen.

Unser ruhige Ecke neben einem Feld zeigt am Morgen interessante Gebilde. Öfters schon zu tausenden am Straßenrand entdeckt kann ich das hier mal genauer studieren. Sehr verfestigter Sand wohl von Termiten oder Ameisen gebaute Pilze. Meist und damit fast immer unbewohnt oder nur tief im Inneren benutzt. Schon ulkig anzusehen.
Es gibt weite Wiesen und viel trockenes Stroh, die Erntezeit ist schon vorbei und viele Kühe grasen verstreut über die Felder. Und endlich sehe ich dass sich doch jemand über die Bodenqualität sorgt und hier anscheinend Kuhfladen mit nem Sack zusammengesammelt hat. Zum ersten Mal und deshalb erwähnenswert.

Hinter diesem Feld und einer schwierig zu durchdringenden Pflanzenbarriere dann endlich das Flussbett des Niger. Nur knapp zu einem drittel mit Wasser bedeckt, der Rest eine große Sandlandschaft.

Im Wasser wimmelt es von kleinen Fischen und auch die Größeren können nicht weit sein. Ich sehe ein improvisiertes Lager einiger Fischerfamilien direkt an der Wasserkante und die Boote auf dem Fluß. Bin natürlich sofort die Attraktion und mache mit Atlas lieber wieder kehrt. Fluss als Lebensgrundlage, auch Muscheln gibt es hier in anständiger Größe.

Wir haben in gestrig vorgelegtem Tempo noch mindestens zwei Stunden Weg vor uns bis wieder Asphalt erreicht wird und machen uns also wieder auf die staubige holprige Piste. Verkehr ist hier schon etwas, die anderen Teilnehmer versorgen wohl die zahlreichen Dörfer und heizen ohne Rücksicht auf Schäden hier durch. Wir nehmen es gewohnt locker und trödeln lieber durch die Lande. Und plötzlich auf einer von Wald und Büschen umgebenen Strecke ein Kontrollposten. Eine mit Flatterband verzierte Schnur über die Straße gespannt. Locker 6-8Uniformierte und weitere 10Einheimische auf Rollern. Ich vertrete mir gleich mal die Beine und bringe alle Unterlagen mit. Das übliche Prozedere; Pass, Passavant, Fahrzeugschein, Führerschein, Versicherungskarte… ziemlich akribisch für ne Kontrolle im Niemandsland. Und dann scheint alles in Ordnung aber mein Schuhwerk wird moniert. Ich habe FlipFlops an und das ist in Guinea anscheinend verboten. Ok, will ja keinen Ärger und wechsle schnell im Bus, hab von Geschichten gelesen, wo für eine Sonnenbrille Strafe gezahlt werden musste. Bei Olli natürlich genau das Gleiche und ein Kerl mit unseren Papieren schreibt auf sehr verlodderte Zettel eine Art Verwarnung. Die ganze Sache dauert nun schon ne halbe Stunde und uns wurde immer noch nicht gesagt, was wir zahlen müssen.

100.000 FG und damit die Höchststrafe auf dem Vordruck. Das wäre das doppelte des Bestechungsgeldes bei der Einreise. Wir befinden uns nun also in der Geschichte, die vier Stunden dauern wird und in der ich Teile eines vorherigen Blog schreiben konnte. Es konnte uns natürlich keine Preisliste für Vergehen oder überhaut eine Auflistung von Fehlern im Straßenverkehr vorgelegt werden. Es passieren uns Roller mit FlipFlop-Fahrern, da ist das was anderes heißt es. PKW mit 11Insassen geht auch, ist ja von einem Syndikat ein Taxi, und trotzdem drückt jeder Vorbeikommende irgendwas an die bunt gemischte Truppe ab. Bunt weil doch jeder ne andere Uniform hat. Es ist nicht mehr ganz so freundlich und es wird auf Geld beharrt. Wir haben in den Schatten umgeparkt und täuschen die Ruhe in Person vor, ich habe Zahlungsbereitschaft erklärt, hätte aber gerne eine schriftliche Erklärung über die Höhe der Summe, außerdem einen Dienstausweis des sich zum Arschloch mausernden Typens. Fotografieren darf ich die Truppe natürlich nicht, also muss der Zettel der als Quittung dienen soll reichen. Der Block wohl entwendet, gestempelt waren die alle schon.

So sitze ich also im Bus und schreibe am Laptop, unsere Pässe haben wir immerhin schon zurück diskutiert, fehlen nur noch Fahrzeugscheine und Führerscheine. Die Recherche im Netz ergab keine Lösungen und nen Telefonjoker hab ich nicht. Wir drehen uns im Kreise, ich verlange Nachweise, die sie in Kankan haben und nicht bringen können und sie beharren auf Geld. Wir sollen doch ohne unsere Papiere dort fragen fahren… grins. Arschloch. Uns wird eine gute Show geliefert, jedes vorbeikommende Fahrzeug wird nun akribisch angepfiffen und auf Schuhe und Sicherheitsgurt kontrolliert. Letzteren haben unsere Busse ja auch nicht, was zukünftig sicherlich zu Problemen führen könnte, ich bastel also mal was aus nem Spanngurt, das wenigstens von Weitem so aussieht.

Die ganze am PC Tipperei und unsere Ruhe macht die Jungs nervös, ein Anderer der sich als Chef rausstellt versucht nun erneut und zieht alle Register in Erklärung unserer Verwarnungsgelder. ICh frage für Beispiele bei welchen Vergehen welche Summen gezahlt werden müssen und es wird lustig ausgedacht. Kaputte Blinker und Spiegel zum Beispiel wären erste Kategorie und nicht so wichtig. Falsche Papiere irgendwo in der Mitte und ohne Gurt ist sonst auch teuer aber sie haben verstanden dass in unseren Historischen Fahrzeugen das nicht normal ist. Aber FlipFlops sind echt gefährlich. Ich hab die Schnauze voll hier, ich zeige Reue und Einsicht, gelobe Besserung, erkläre wir sind erst gestern ins Land gekommen und haben auch noch kaum Geld tauschen können. Für uns ist das einfach zu viel und gebe ihm mal ein Päckchen Zigaretten als cadeu „Geschenk“ wir wären bereit eine Null weniger zu bezahlen.

Es dauert nochmal ne Weile und unsere „Quittungen“ werden wieder eingezogen. Wir zahlen 20.000 und bekommen endlich unsere Papiere wieder. Nix wie weg hier, vier Stunden hat die Aktion gedauert… im nächsten Dorf unter einer schattenspendenden Mangoallee machen wir erstmal eine Pause und lassen das sacken.

Solche Kontrollen soll es häufiger in Guinea geben und wir entscheiden keine Originaldokumente mehr auszugeben um nicht angreifbar zu sein. Olli hat nen Scanner mit und wir kopieren die benötigten Unterlagen. Wir kochen nebenbei am Straßenrand und sind über die Hartnäckigkeit und Dreistigkeit erstaunt, bezweifeln auch, dass es richtige Gendarmerie gewesen ist, wundern uns aber über die vorhandene Zahlungsmoral der Einheimischen die ja alle irgendwie was abgedrückt haben. Auch das ist Afrika, dürfen uns nicht abhalten lassen.
Hier im Dorf wird aus Stroh und alten Hilfsgütersäcken recycling betrieben, Matratzenherstellung… fühlen sich recht hart an.

Und die uns belagernden Jungs posieren sofort und wollen auch ein Foto, ich also ganz Profi die Aufstellung fürs Bild organisiert, die Hintergrundbeleuchtung konnte ich dann aber nicht reduzieren, es ist echt sommerlich hier und Schatten ist die beste Flucht.

Wir wollten etwas zeitiger Ruhe finden, noch bevor es wieder auf die richtige Straße geht. Leider ist auch hier am Niger jeder Zipfel doch irgendwie bewohnt. Wir fanden eine ruhige Ecke, dachten wir. Doch unten am Fluß dann Badetag bei vielen Kids, unser Ausflug und der Hund der schwimmt sprach sich dann sehr schnell rum und wir hatten einige Verfolger.

Also starteten wir doch nochmal die Motoren und fanden später ein abgelegeneres Plätzchen für die Nacht. Am Rande eines Feldes ca. 300m von der Piste entfernt zwar nicht so fotogen, aber dafür verlassen und Ruhe muss heute mal sein. Morgen wird es sicherlich wieder genug Stress geben hier in den Fängen von Guineas Ordnungsmacht.

3 Gedanken zu “Dem Niger folgend

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