Die Suche nach der Kaskade Gbaledze

Togos schönster Wasserfall, die Kaskade Gbaledze
Wir haben Nachmittag, irgendwann im Juni, das Wetter ist genial. Der Himmel mit Wolken durchzogen trotzdem herrschen Temperaturen um 30grad und der Regen bleibt zumindest aus. Ich bin Im Südwesten Togos auf dem Plateau welches auf der anderen Seite nach Ghana runter führt. Hier östlich aber hat man einen wahnsinnigen Blick übers ganze Land bis rüber nach Benin.

Die letzten Stunden waren schon aufregend genug und der Unimog vom Wegesrand geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Die Abfahrt vor mir ein Traum einer Piste und im letzten Blog mit einem Video zu bestaunen, immerhin komme ich hier etwas auf andere Gedanken und kann mich sammeln. Meine Richtung steht erstmal fest, will noch einen Wasserfall besuchen bevor mein Kumpel mit seinem Gespann aus Lome kommt und wir nach Norden ziehen. Unten auf der Hauptstraße Kpalime-Atakpame ist der Asphalt perfekt und die Straße selbst eine der besten in ganz Afrika. Mit lockeren 45km/h im Standgas rolle ich Gedanken versunken nur ein paar Kilometer weitersüdlich durch ein paar Dörfer und kaufe Tofu am Streckenrand. Isst man so als snack mit Piment, nutze ich aber auch für weitere Gerichte.

Dann sieht man auch schon den Wegweiser „Cascade Gbaledze“ dessen Pfeil folgend man auf einen Fußweg durch den Ort gelangt. Natürlich sofort umringt von Guides, also selbsternannten Fremdenführern die dich zum Wasserfall bringen wollen. Jungs, dafür ist es mir heute schon zu spät, ich suche nen Parkplatz etwas in dessen Richtung um Morgen früh starten zu können. Handbewegungen und Fingerzeige in die gewünschte Gegend… Nur leider ist hier weder ein Durchkommen mit der Walküre noch eine Parkmöglichkeit. So herrscht also eine halbe Stunde Chaos im Dorf, da der Jowo mit seinem Truck um die Lehmhütten kurvt und eigentlich nur noch verzweifelt einen Ausweg sucht ohne ein Kind oder Huhn zu überfahren, Stromleitungen abzureißen oder Wände zu streifen und zum Einsturz zu bringen.

Alle paar Meter weitere Jugendliche die sich als besonders hilfreiche Führer zur Kaskade anbieten, nein Danke, ich suche einen Stellplatz! Den aber gibt es hier in Kpele Tsavie oder Dzanyipe definitiv nicht erst recht nicht abgelegen und ruhig genug für eine Nacht. Ich muss und werde also wieder verschwinden.
Vorne an der Kreuzung hab ich zwei Optionen, südlich in Richtung Kpalime wo eigentlich Dorf an Dorf und somit kein Traumplatz zu finden ist, oder wieder ein Stück zurück und gucken was abseits im Busch so möglich ist. Aber alles nicht einfach. In Europa gibt es Feld- oder Waldwege die immer mal zur Erntesaison mit Maschinen befahren werden. Sowas fällt hier aus, Felder werden mit der Hand bestellt und wo Autos passieren können liegt also meist ein Dorf oder Haus am Ende des Weges. So irre ich noch in zwei Sackgassen und gebe die Suche nach einem Platz auf von dem ich am nächsten Morgen meine Wanderung starten kann. Zurück auf den Berg mit der tollen Aussicht und an der Serpentine übernachten? Aber nur dafür sind mir 15-20km Fahrt (Hin hoch und Rück runter) doch eine Spritverschwendung. Heute also mit weniger zufrieden und ich probiere also mal die andere Straßenseite bei einem Schild zu ner weiteren „privaten“ Kirche.

Ja, der Glaube ist hier in Togo, wie auch schon Ghana ein blühender Geschäftszweig. Wer predigen kann, was hier bedeutet wie im Singsang bedeutungsloses Zeug in die Runde zu werfen um fast schon hypnotisch seine Anhänger in Stimmung zu bringen, der kann damit gut verdienen. Die Besucher waschen sich mit Spenden von ihren Sünden frei und die gesellschaftliche Verantwortung geht den Bach hinunter, Gott macht dass alles gut wird, ihr braucht euch um nix kümmern. Wahnsinniger Schwachsinn und leider überall praktiziert. Die „Kirche“ hier ein Pavillon im Nirgendwo. Das Gelände war wahrscheinlich mal eine Farm am Ende dieses Weges, immerhin dafür kaum Betrieb heute. Der Oberguru bei dem ich um Erlaubnis frage vorne in der Biegung an der Ecke übernachten zu können lädt mich auf seinen Platz ein, aber ich erkläre dankend meinen Wunsch nach Abgeschiedenheit. Gut gekleidet, intelligente Augen und anscheinend grad in einer Privataudienz mit zwei Besuchern, nimmt er seine Beschwörungen wieder auf als ich mich dankend verabschiede.

Ich habe meine Terrasse ausgeklappt und bereite grad ne Mahlzeit zu, rechts von mir Wald, dahinter ein Pfad in Richtung einiger Felder zu entdecken, keine sonstigen Geräusche einer Ansiedlung, was meist durch Hühner, Ziegen oder Kinder angekündigt würde. Perfekt für eine Nacht. Doch vollkommen Ruhe hat man nie und nirgendwo.

Big Mama Afrika und ihre Gang sammeln hier Holz und sie trägt wirklich einen fetten Baumstamm auf dem Kopf. Die Kids die also im üblichen Sinne Arbeit verrichten indem sie ihren Eltern bei deren Beschäftigung helfen sind geschätzt 6-12Jahre alt gestaffelt. Sie hatten nur kleine Äste, davon aber ordentliche Haufen auf den noch schwächlich wirkenden Hälsen transportiert. So ist überall auf dem Land das Leben. Selbst wo es Schulen gibt wird halt danach Alltag verrichtet; Feldarbeit, Wasser holen, Holzkohle oder sonstige Erzeugnisse erschaffen die das Metier der Familie sind. In den Städtchen nicht anders mit den ganzen handwerklichen Betrieben, Kinder an Geräten die bei uns nur mit Einweisung und Arbeitsschutz betrieben werden dürfen. Mir ist das so alltäglich geworden, ich denke darüber erst wieder jetzt beim Schreiben nach. Ist das die bei uns verpönte Kinderarbeit? Immerhin nicht die Abgabe der Kinder an Fabriken gegen Bezahlung wie man sich das im schlimmsten Falle vorstellt.

Etwas komisch wird mir aber schon, als sich die keuchende Mami hinsetzt und dem Mittleren die Machete gibt der damit den Baum zerteilen soll. Routiniert wie man sagen muss steht er mit Flipflops auf dem Stamm und hackt zwischen seinen Füßen aufs Holz ein während sein Bruder diesen stabil hält. Ich glaube ich durfte mit 10 stolz mein erstes Taschenmesser zum schnitzen besitzen, hier arbeitet man da schon lange mit der Machete. Der Haufen Holz anscheinend groß genug, man verabschiedet sich und zieht von Dannen ich lese in meinem Sitzsack lümmelnd und sehe dem schwindenden Tag entspannt entgegen.

Gegen Abend zur Dämmerung treibe ich ne Runde Sport und freue mich auf mein anschließendes Schüsselbad in der Dunkelheit. Das jedoch muss etwas warten, denn der Haufen Holz wird noch kurz vor duster von vier Jugendlichen auf nem Apsonic PickUpMotorrad abgeholt. Ja, unglaublich die bekommen mit Handyleuchten hantierend den ganzen Stapel und sich selbst komplett auf einen üblichen Minilaster. Wahrscheinlich die großen Brüder von der Holzgang die tagsüber schon fit genug für andere Aufgaben sind. Mal wieder ein Schauspiel und besser als Fernsehen, meine Körperhygiene wurde halt etwas verschoben.

Hier am Platz übrigens fand auch Teil Zwei und drei meiner Mäusestory statt. Die Falle schnappte nachts die Große und meine Finger die Kleine später am Schwanz im Gewürzschubfach. Danach sogleich Einpacken und Abfahrt um eine eventuelle Rückkehr und Fortsetzung doch noch auszuschließen. So kam es dass ich 5Uhr morgens also knapp vor der üblichen Zeit hellwach und einsatzbereit war. Es dämmert, perfekte Zeit und ab zum Wasserfall. Meine WALKÜRE wird am Ortseingang neben der westlichen Kirche still und heimlich abgeparkt.

Ich brauche keinen Führer, will meine Ruhe und das Abenteuer alleine meistern und nicht die ganze Zeit jemanden dabei haben der mich zu quatscht. Den Weg durchs Dorf spare ich mir also lieber auch. Ich hab gestern schon gepackt, Rucksack mit Frühstück, Wasser und als Ausrüstung Sonnenhut und Machete, Telefon für Video und GPS Orientierung voll geladen, die Richtung stimmt, ab über die Wege durch die Felder.
Wege gibt es viele und die auch nie gerade aus. Verschlungen und mal verwachsen, dann doch eine Sackgasse aber mit anderen Optionen finde ich mich schon auf gut der Hälfte zum Ziel. An der Wand kann ich schon die Quelle des Rauschens erkennen und auch den Bach hier unten entdecke ich später. Atlas hat seinen Spaß und ich erst… nicht der einfachste Weg, aber der schönste. Durch eine Schnapsbrennerei in der ein Junge mir den Weg weist und über den Bach auf die andere Seite, eine kleine Farm passierend und jetzt anscheinend auf dem Hauptweg zur Kaskade der aber auch kein Stück professionell angelegt aber nicht gepflegt scheint.
In der Regenzeit käme man mit dem Stutzen der Gräser und Pflanzen sowieso kaum hinterher, also schlage ich mir meinen Weg wenn es nötig scheint. Atlas immer mal wieder vorne weg wenn er denkt zu wissen wo es lang geht, wenn die Vegetation dann später am Hang dichter wird lässt er mich aber lieber vortasten. Hier mal ein Suchbild wo der kleine Kerl in die Kamera schaut. Seht ihr ihn?

Ja, Berührungsängste mit der Natur hab ich schon lange abgelegt. Nasse Gräser durchweichen jedes Kleidungsstück. Spinnen, Käfer und andere Insekten krabbeln immer mal die Beine hoch, Ameisen zwischen den Zehen sind das Schlimmste wenn man mal eine Gruppe erwischt hat. Ich bin heute aber nicht barfuß, sondern hab aufgrund unbekannter Umstände meine FiveFinger Überzieher an. Es gibt ja Schlangen und Skorpione aber für die einen noch nicht die Tageszeit und die anderen zu feucht da unten. Also immer der Nase nach. Irgendwohin führt dieser Pfad.

Und dann bin ich raus aus der Ebene am Hang wo es dichter wächst und man zusätzlich noch über Steine klettern muss. Die Machete hackt und drückt zur Seite, den Weg zu bereinigen bräuchte eine Armee von guides… dann hätten die aber was zu tun.

Ich bin direkt neben dem Bach und muss diesem nur noch nach oben folgen. Leichter gesagt denn große Felsbrocken säumen nun den Weg. Atlas braucht ab und an etwas Hilfe, Krallen auf Stein greifen halt auch nicht.

Und dann bin ich an einem kleinen Becken das von sprudelndem Wasser gefüllt wird. Naturbelassen und echt hübsch anzusehen, schöner Ort für ein Frühstück.

Irgendwie war ich der Meinung bei Recherchen ein Foto dieser
Kaskade gesehen zu haben und mir deshalb diese markiert. Der Wowo Effekt bleibt aber aus und weiter scheint es hier auch nicht zu gehen, so ist das alt mit Fotos, man kann viel retuschieren. Ich packe ein und wir schlendern zurück. Noch ein letzter Blick auf die Wand und… hey, das Ding sieht von hier auch komplett anders aus.

Ich schaue genauer hin und muss anscheinend doch noch ein Stück höher um den großen Wasserfall direkt vor mir zu haben. Atlas erspare ich die Kletterei über anscheinend noch weitere Felsen und binde ihn bei meinem Gepäck an. Es wurde noch etwas abwegiger und nach 10Minuten hab ich dann die Hauptattraktion erreicht.

Ein toller Wasserfall der wie eine Tropendusche auf Felsen
aufschlägt und dann erst in den Teich spudelt. Ringsum herrliche Wände mit teils hängender Vegetation und gegenüber ein Guckloch durch die Wand was von weiter unten die Sicht versperrt hatte. Auch wenn ich das Wort wohl zu häufig benutze… Paradies.

Ich verbringe hier noch etwas Zeit und lasse alles auf mich wirken, hab auch mehrere clips gedreht die zusammen einen bewegten Eindruck der Kaskade Gbaledze abgeben.

Und dann muss ich auch schon wieder zurück zu Atlas, den Abstieg in Angriff nehmen und mich erneut durch den Busch kämpfen. Auch davon ein Video.

Ab und an verirren sich doch Besucher her wie man an den Hinterlassenschaften sehen kann. Ne volle Dose bis her schleppen, dafür reicht die Kraft, aber ne leere wieder mitnehmen ist dann zu viel. Immer und überall das Gleiche, und die Guides kümmern sich hier anscheinend um gar nix.

Ein paar kleinere Stromschnellen weiter unten geben noch tolle Motive ab, es muss nicht immer höher, schneller, weiter sein.

Den Rückweg lasse ich mich dann einfach dem Gefühl nach treiben und folge vorm Dorf den verschlungenen Pfaden einem Geräusch entgegen. Interessanter monotoner Klopfer, der sich als Schmied zwischen den Bäumen heraus stellt.

Auf einem schon total verbeulten Amboss werden hier heiß geschmiedete Feldwerkzeuge hergestellt. Der Junior mit dem Lüfterrad am Fahrradpedal ist für die Weißglut zuständig. Er kurbelt und sein Vater hat heute noch so einige Eisen im Feuer.

Das sind die kleinen Betriebe die mich interessieren, hier wird noch handwerklich gearbeitet und damit der Lebensunterhalt verdient. Ich drücke ihm die Daumen, dass seine Kunden nicht bald noch mehr China Importware kaufen und ihm dadurch seinen Job wegnehmen wie es schon in so vielen Industriezweigen in Afrika passiert ist. Hilfe zur Selbsthilfe weit besser als unnötigen Müll wie Klamotten oder Wegwerfelektrik als Hilfsgüter schicken.
Die letzte Brücke über den kleinen Bach der wohl auch mal böse ansteigen kann, bringt mich zur Ausgangsposition und zur WALKÜRE zurück.

Ein toller Spaziergang von 3-4Stunden mit genügend Zeit zum Verweilen. Vor meinem Truck warten auch schon Dörfler, die relativ frech nach Geld fragen. Den Wasserfall besuchen kostet Geld, mit oder ohne Guide. Aber auf der faulen Haut sitzen und warten dass einem sein Tagessold zufliegt kann ich nicht unterstützen. Wie gesagt, am Weg ist nix präpariert ich habe niemandens Service benötigt und seit langem auch ist wohl niemand dort gewesen.
Jetzt werde ich sicherlich wieder dafür gescholten den armen Afrikanern die einzige Einnahmequelle abzuwehren, aber wer nix tut wird auch nicht bezahlt, fertig. Ich lehne höflich aber bestimmt ab, verweise auf meinen Standpunkt und kann nicht verstehen, wie man so dreist sein kann fürs am Auto warten Geld zu verlangen…
Doch den schönen Einstieg in den Tag lasse ich mir dadurch nicht versauern, bin es ja leider so und ähnlich schon mehr als gewöhnt. Mein Weg führt mich nun… ja wohin überhaupt…?

Mein Kumpel Michoi braucht doch noch etwas Zeit, wieder kleine Probleme am Fahrzeug und der Strand lässt ihn nicht los, ist nach mehreren Monaten dort sicherlich schon verwurzelt. Also muss ich Zeit sinnvoll nutzen und mache mich erneut auf den Weg das Plateau hinauf. Diese gigantisch geile Serpentine auch von unten befahrend ein Erlebnis. Mein Mercedes mal wieder für ein Lob gut, der 508 kämpft sich ohne viel Anstrengung tapfer den Berg hinauf. Ich hab da was auf der Karte entdeckt und werde dort mit meinen Nachforschungen zum Unimog beginnen, der nur wenige Kilometer weiter am Straßenrand stand. Zur not campiere ich direkt daneben und frage die nächsten Tage jeden der vorbeikommt was er über den gelben deutshcen Kraftprotz weiß… ich habe eine Mission.

2 Gedanken zu “Die Suche nach der Kaskade Gbaledze

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