Fischereihafen Nouakchott, eine Attraktion

alternativer Titel: Rust’n Roll Revival

Ich bin ja bekennender Altblechfanatiker. Und dabei muss es nicht immer der hübsch herausgeputzte Chrom am Oldtimer sein. Dinge brauchen Geschichte mit allen Ecken und Kanten wie sie auch uns Menschen erst interessant machen. Der heutige Beitrag steht auch mangels anderer nennenswerter Themen bei meinem Besuch in Nouakchott mal im Zeichen rostigem Metalls.

Nach meiner vergeblichen Suche nach einer vergleichbaren Herberge, wie sie das Menata früher bot hatte ich resigniert aufgegeben und war in Richtung Strand gezogen. Dort eine Nacht wird schon passen und vorher schau ich mal am Fischereihafen vorbei. Die erste Attraktion dann noch an der Zufahrt die mit Warteschlange und Schlagbaum versperrt ist. Neben der Fabrik an der Kreuzung spielen sich für mich unglaubliche Szenen ab. Tiefergelegte, laut knatternde Vehikel in einer Art Schaulauf zu einer Versammlung angetreten? Nun ja, etwas anders die Realität schon. Es ist nicht etwa der mauretanische Abklatsch des legendären Rust’n’ Roll Altautotreffens was zwar nur kurz in der Heimat aufflackerte aber bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Die sogenannte “Ratten Szene” wird dort relativ TÜV-konform gefeiert, hier aber wird aus Not eine Tugend gemacht.

Die alten Peugeot 404 PickUps sind halt über die Jahre der Nutzung auch mit unsachgemäßer Pflege und unachtsamem Zutun der Piloten quasi evolutionär in diesen Zustand umgeformt worden. Das muss ich mir näher ansehen.

Das Gerät, ohne es einer Wertung durch Sprache zu unterziehen, kam soeben auf eigener Achse angerollt und hustete prustend seine Wolke in die Umgebung. Der Fahrer, ein großgewachsener Dunkelhäutiger fand wie auch seine Freunde gefallen an meiner Verwunderung und künstlerischen Betrachtung seines Arbeitsvehikels. Es sind hauptsächlich Senegalesen, die hier Fisch vom Hafen, also dem Strand um die Ecke, zu dieser Fabrik transportieren und dadurch irgendwie ihren Lebensunterhalt bestreiten. Stolz präsentiert er mir seinen Wiegeschein, der es schwarz auf weiß mit fischiger Note bestätigt. 1990kg Zuladung. 2 Tonnen toter Fisch. Um den zu transportieren braucht es vier Räder, einen Antrieb und ne Wanne, fertig. Ich glaube wenn die Frontscheibe die schon nur mit einem Gummiband in der groben früheren Position gehalten wird, ganz ihren Zweck verfehlt wird auch die wegrationalisiert.

Die Jungs sprechen französisch muttersprachlich und man fachsimpelt etwas. Der Blick unter die Haube dann fast schon mit einem Bedauern für die Technik, die unter widrigsten Umständen trotzdem nicht den Geist aufgeben darf. Kein Luftfilter, wüste Verkabelung, kaum Kühlwasser und der klare Beweis, dass auch viel Rost noch einiges zusammen halten kann.

Der Innenraum bedarf keiner Ablichtung, zu dunkel da drin, aber stolz ist der Fahrer auf seine selbstgezimmerte Schaltung, da alles ringsum ja auch irgendwie samt Unterboden nicht mehr vorhanden ist. Ein Teppich drüber, aus den Augen aus dem Sinn. Und das ist kein Unikum wie man im Umkreis so sieht.

Ich kann nicht einmal behaupten, dass sie in allen Farben schimmern, denn irgendwie ist trotz rot, blau und grün die Patina obendrüber allgegenwärtig und macht diese Einzelstücke erst zum Teil eines Ganzen. Ich solle mir auch den Rest ansehen, der quasi auf der anderen Seite Dienst tut und grad auf Fisch wartet. Also los. Die Schranke öffnet sich für jedermann der nett fragt und zum Fischmarkt will.

Dichtes Gedränge und das Gefühl eingesperrt zu sein, aber hey, Abenteuer. Einen Parkplatz finde ich auch irgendwie ganz am Ende und mache mich zu Fuß auf die Suche. Vorbei an der großen Halle die zumindest etwas Hygiene ermöglichen könnte. Umsetzung aber ein anderes Thema, da kann auch wie früher gleich alles auf dem Boden gehandelt werden.

Jobmotor Fischerei, Hunderte – ach Tausende Menschen warten hier auf nen Job, sei es nur als Träger oder Helfer.

Boote kommen unregelmäßig und ungeplant, wo auch immer es grad passt an den Strand, Hafen hab ich so seit Marokko auch nicht mehr anders gesehen. In Guinea sogar in schlammigen Mangroven. Hier also immerhin auf stabilem Sand solange man den vor lauter Booten nicht aus den Augen verliert.

Das Ergebnis dann eine unzählbare Masse an Fisch und immer wieder schleicht sich der Gedanke in meinen Kopf, was bleibt da noch im Meer übrig? Und das nur einer von etlichen Haufen.

Und dann entdecke ich auch Teil zwei der PickUp Gang und siehe da, das Fahrzeug ist unbeladen nicht ganz so optisch zerbrechlich.

Schönheit liegt immer im Auge des Betrachters wie es heißt, aber ich weiß ja selbst nicht… irgendwie geil.

Erst Recht wenn ein kleiner Klecks Farbe das ganze Ambiente etwas auffrischt und so auch über Makel hinwegtäuscht. Obwohl diese hängende Tür mit der Seilbefestigung schon wieder einer vorzeigbaren Narbe ähnlich dem Auto Charme verleiht. ja, ich hab es getan, die Dinger Auto genannt. Alles dran was die Identifikation dazu benötigt.

blaublau

Besondere Vorsicht ist eigentlich in keinem Moment oder überhaupt irgendwo zu erkennen. Afrikanische Lebensweise hier am Vorgang der Beladung verdeutlicht. Laderaum voll, sodass es theoretisch bedürfte die Klappen zu schließen. Jedoch hat der Kerl mit der Kiste voll Fisch (nicht im Bild) die Aufgabe -Fisch auf Auto- und der Kerl der die Klappen schließen könnte die Hände voll mit -Fisch auf Auto- weil diese glitschige Ware sich schlecht stapeln lässt und in Eigendynamik runterplumpst.

Eigentlich zu komisch, wenn man nicht mit weinendem Auge sehen Muss wie sinnbefreit… aber ich gleite schon wieder in den Bereich der Wertung ab. Auch wird überall auf Fisch getreten oder drüber gefahren, Schwund wie es in jeder Wirtschaft heißt, ich darf es Verschwendung nennen.

Der Sinn dieser bis unters Dach mit Verlust an den Seiten Strategie verstellt sich mir auch komplett, da nebenan etliche PickUps auf Ladung warten, oder zumindest so tun. Oder ist final doch Mathematik ausschlaggebend und der verbrauchte Kraftstoff durch die zu transportierende Menge und nicht die Arbeitszeit der Beteiligten umzurechnen? Afrikanische Logik, nicht mein Gebiet.

Auf jeden Fall können die Dinger auch im Kollektiv wartend ein tolles, wenn auch verschwommenes Bild abgeben. Ich hab mir mal erlaubt mit einem Filter meinen Eindruck der Zurückversetzung in Zeit zu erörtern.

Kein Wunder, warum Rost eine Macke bei alten Autos ist. Wer aus Blech besteht und den Großteil seiner 50-60Jahre am Strand verbringt oder salzig triefende Fische transportieren muss hat echt Respekt verdient überhaupt noch zu existieren. Chemie lehrt die Oxidation, dieser Beitrag in der Summe aber der Beweis dass es doch eine höhere Macht gibt die dagegen hält. Bin gespannt wie lange es die Peugeot hier noch in Nouakchott geben wird. Alternative Transportmittel hab ich keine gesehen, es ist keine nächste Ära in Planung, wird damit also der Fischfang eingestellt?
Ich glaube diesen doch etwas -abseits der Reihe- blog lasse ich mal so stehen und verweise auf meinen früheren etwas konservativeren Beitrag zur Hauptstadt aus meinem Archiv. Ansonsten hat die Stadt für mich nix mehr zu bieten. Fischereihafen, muss man gesehen haben!

https://mb407.wordpress.com/2018/01/28/nouakchott-grosstadt-in-der-sahara/

Und erneut mit tränendem Auge, sage ich “schön war’s in der Auberge Menata” .

6 thoughts on “Fischereihafen Nouakchott, eine Attraktion

  1. Markus says:

    Wie geil! XD .. aber eins muss man den Jungs lassen: in Punkto automobile Nachhaltigkeit sind sie ganz vorn mit dabei. Modell Nr.1 erinnert mich ein bisschen an die Szene, als Mutter Oberin und Cruchot nur noch mit der halben Ente vorm Polizeirevier eintrafen .. Viel Spaß noch!

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  2. kalahari1955 says:

    Ja…. Mauretaniens Autos sind eine Sache für sich…. sowas gibt es weltweit nur da….ich war vor 2 Jahren in nouakchott und habe mein Auto dort verkauft…. wie das wohl heute aussieht….? Ganz toller Bericht und auch der Bericht vom Fischhafen ist mehr als authentisch! Gute Weiterreise, Ulli aus Tullnerbach/Österreich

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