Subkultur Festivalgänger – Meine Sicht

Meine Zeit hier im Sommer ist ja knapp bemessen. Trotzdem soll auch der Spaß nicht zu kurz kommen. Ich hatte ein Festival im Auge und auf den letzten Drücker noch günstige Tickets bekommen. Mehrzahl? Ja, man zahlt heute für alles zusätzlich, eigentlich schon ne Frechheit das Campen extra zu berechnen, ist es doch Ziel eines Festivals sich mehrere Tage hintereinander mit Gleichgesinnten zu treffen und sein Lager unweit der Bühnen aufzustellen. Nun ja, Dinge ändern sich und Festivals sind auch nicht mehr das was sie mal waren. Aber ganz von vorne:

Full Force heißt das zweitgrößte Metal Event nach Wacken und liegt in meiner näheren Umgebung. Von einem erfolgreichen Arbeitsbesuch am Tanzsaal in Dresden (Bericht folgt) ging es mit den üblichen Besorgungen am Rande der Strecke auf nach Ferropolis, einem Tagebau-Museum mit Bagger-Exponaten umgeben von einem Badesee der früher mal die Grube war. Dort wollte ich mich für einige Tage einrichten und dementsprechend gut für Futter vorsorgen, der Plan ging auf. Bad Düben mit reicher Beute für mich.

Der Wahnsinn begann dann Donnerstag Vormittag mit Öffnung der Pforten. Ich dachte ich bin früh genug vor Ort denn erst ab Freitag spielen die Bands, die besten Plätze im Camp jedoch sucht man am Vortag (oder in der Schlange dazu noch nen Tag früher). Die Karawane dementsprechend endlos und das Chaos groß. Gelassen läuft es, warum auch jetzt wegen ein paar Metern stressen. In der Reihe treffe ich auf Kumpels aus Berlin, man ist nie alleine auf einer Veranstaltung mit 50.000 Leuten.

Am Eingang gibt es Kontrollen, logisch. Jedoch stehen heutzutage so viele Dinge auf der Verbotsliste was der Abwicklung nicht förderlich ist. Glasflaschen wegen Unfallgefahr mit Scherben, völlig zurecht. Primär an Bierflaschen gedacht muss jedoch auch Alkohol in Plastik umgefüllt werden. Stört mich nicht, trinke ja eh keinen, jedoch ist vieles anderes in meiner Küche aus Glas. Ich hörte sogar von Marmeladengläsern die ausgelöffelt werden sollten obwohl Brotaufstriche nicht auf der Verbotsliste standen. Nun ja, ein netter Kerl schaut in meinen Bus und ist erstaunt über mein Zuhause. Man muss erwähnen dass 80% der Besucher im Auto mit Zelt anreisen. Kofferraum voll und zur Not nen Anhänger mit Gerümpel hinten dran. Der Rest dann Wohnwagen oder Wohnmobile oder das Van-Firmenfahrzeug was grad frei war.
Er steht also weniger begeistert in meinem rollenden Heim, und sieht Kochdeckel aus Glas, meine große Wasserflasche und einen ganzen Schrank voll Einmachgläsern. Auch Gasflaschen sind eigentlich verboten, an meinem Ofen aber fest installiert. Alles nicht zum wegwerfen oder Unfug treiben gedacht überzeuge ich ihn mich passieren zu lassen. Hinter mir wurde die Menge unruhig. Ich war also drin.

Das Gelände ist weiträumig, oberstes Ziel also kurze Wege dementsprechend die Platzwahl in Richtung Bühne. Ganz nach vorne musste nicht sein, vorderes Viertel reicht, aber an den Rand um schnell zum See zu kommen war der Plan. Und Atlas braucht auch ab und an ne Abkühlung. Da sind wir schon beim nächsten Problem, Tiere sind auf dem Festival verboten! Der kleine Kerl ist mein Wegbegleiter und Navigationsgerät, die Alarmanlage und er ist hier zuhause, wieder abfahren werde ich nicht. Der am Eingang ließ mich ja auch passieren. Hier jedoch der nächste Guard.
Außerdem stört den Kerl in wichtiger Weste meine Parkplatzsituation, ich stehe nicht im dafür vorgesehenen Feld sondern zur Hälfte im Bereich für Zelte. Dass mein Gespann aber doppelt so viel Platz braucht wie ein Auto und ich nun mal darin wohne und auch ein Sonnensegel aufspanne gibt Ansatz zu weiteren Diskussionen. Aber immer ruhig bleiben, er macht nur seinen Job und ich Urlaub. Die Erklärung ist Unfallgefahr durch Abgase, er konnte mir aber nicht erläutern warum ich bis zum Tag der Abreise meinen Motor erneut starten sollte? Klimaanlage? Mein Auspuff zum Weg hinaus ging das dann zumindest mal klar.
Es gesellten sich nette Nachbarn zu mir und Atlas wurde herzlich von einer Schaar Mädels empfangen. Die zahlreicher werdenden „Securities“ wollten alle den verbotenen Hund sehen, das heiße Wetter war hauptsächlicher Grund der Besorgnis. Und ich wieder mit dem Argument, dass ich in dem Bus wohne und der Kerl immer dabei ist. Gut isoliert und teilweise angeleint unterm Bus liegt. Oder solle ich ihn vorne am Zaun anbinden?

Irgendwie müssen meine Argumente und Hartnäckigkeit gefruchtet haben, ich solle ihn nicht frei laufen lassen, etwas Inkognito halten und der kleine Kerl (der sich ausnahmsweise mal anständig benahm) darf stillschweigend bleiben. Puhh, jetzt nochmal den perfekten Platz verlassen wäre blöd gewesen. Es füllt sich zusehends. Das Festival kann also beginnen.

Der Platz schon brechend voll, es ist immer noch Donnerstag und überall entstehen kleine Burgen aus Pavillons oder größeren Zelten. Wir haben 35grad und pralle Sonne, alle 20m dröhnt trotzdem ein Notstromaggregat… fürs kalte Bier im Kühlschrank und plärrende Musik an jeder Ecke. 3000W Generator für 100W Kühlschrank und 50W Musik… warum man sich nicht mit den Nachbarn zusammen den Sprit teilt?

Lass sie machen, wollen doch nur Spaß haben. Ich schau mir den Karneval mal an und bin mit dem Rad mobil. Es gibt schon Alkoholleichen und welche die hart dran arbeiten, wetterbedingt einige Nackedeie und andere im Borat Kostüm. Auf nem Festival ist nix peinlich, anscheinend. Ich finde überall nur aufgeschlossene Gesprächspartner und helfe einer Truppe den Verbrennungsmotor am Generator in Gang zu bringen. Vergaser OP auf der Wiese, Funke da aber der Sprit schafft es nicht durch die verharzte Düse. Halbe Stunde basteln, alle glücklich und ich wurde zur Bierflatrate das ganze Wochenende eingeladen… vielleicht sollte man mobiler Notstrommonteur auf Festivals machen.

Die Pforten zur Bühne öffneten auch bald, wollte mir das mal ohne Publikum anschauen und war überwältigt von dem Gelände.

Mehr MadMax geht nicht und überall Gerümpel aus Relikten der Bergbauzeit. nicht wenige Bands haben gemeint sowas gäbe es in den VSA gar nicht… zu gefährlich. Aber Sonnenschirme verbieten, also Strohhut oder braten.

Das übliche drumherum wie Merchandise und Futtermeile auch optisch ins Gesamtkonzept, sehr geil… die Stadt aus Eisen, Ferropolis.

Die Hauptbühne mit einigen Sitzplätzen wie Tribünen könnte Stimmungskiller werden, eine Bühne im Zelt wird Backofen aber zur Abkühlung wurde eine direkt an den Strand gebaut… genial.

Der Spielplan wechselt sich mit Doppelbesetzung auf den kleinen Bühnen und dem Hauptakt auf der Großen ab. Mein Ziel so viel wie möglich sehen, da mir einige der Bands so gar nix sagen. Challenge angenommen… und zwischendurch immer mit dem Rad zum Bus und Hund.

die Shuttle Fahrer stehen in der Schlange und warten auf den Bus und die Fußgänger tun sich den Stress eher nicht an und bleiben direkt im Camp oder am See… Festival bedeutet nicht für alle nur Musik… Immerhin ne geile Möglichkeit zur Abkühlung mit den Kumpels im Wasser Bier trinken, möchte nicht wissen wie viele sich drinnen erleichtert haben…

Die Künstler dann mit Blick nach Süden hart am Limit gegen die Sonne. Der Kampf nicht nur der eigenen Kraft wegen sondern auch das teils lahme Publikum zu aktivieren. Walls of Death und Circle Pits gab es trotzdem einige… im Moshpit immer was los, rein ins Getümmel.

Das Logo von einer für mich neuen Bands die wohl in Zukunft öfter gehört wird, „while she sleeps“ neben „Bleeding through“ „Any given day“ „Malevolence“ und was exotischem namens „infected rain“ eher hardcore als Metal… aber Zeiten ändern sich. Für die altmodischen Geschmäcker was aus Berlin namens „Kadavar“ auf dem Schirm, hat mich sehr an Led Zepplin erinnert was die Jungs da im Zelt ablieferten, super!

Ich war primär wegen „Lamb of God“ da wenn ich schon mit Namen hantiere… der Rest… vor allem die Headliner enttäuschend. Freitag haben Parkway Drive zwar ne geile Show abgeliefert und ich hab es vorne krachen lassen (ohne Blessuren) aber irgendwie nicht meine musik. Samstag war Arch Enemy hübsch anzusehen, aber in der Pit ging gar nix… also musste mein Crowd Surfing (Was auf der 2do Liste stand) bis Sonntag warten. Nachts auf jeden Fall geile Beleuchtung, etwas Pyro und fetter sound.

Die nächsten Tage wurde es nicht weniger heiß. Wasserkonsum überall hoch, meinen Trinkrucksack durfte ich aber auch nicht mehr mit hinein bringen… gab ja überall als Trinkwasser ausgezeichnetes Chlorwasser für die Massen. Na Danke und meines war mit Drogen voll oder ne gefährliche Waffe… immerhin gab es auch ne Regendusche unter Diskokugel, wenigstens eine zentrale Abkühlung.

Die andere Bühne war zwar weiter weg aber das Bad daneben genossen viele Zuschauer. Vom Veranstalter sogar hübsch abgelichtet zur Eigenwerbung.

Atlas hat sich an die maue Gassizeit zum Morgen und in der Nacht gewöhnt und tagsüber liegt er unterm Bus… Meine Nachbarn lustig und gesellig und mein Camp ein Ruhepol, weitere Bekannte Gesichter und die Zeit vergeht. 80% der Bands hab ich geschafft, manchmal brauchte aber selbst ich ne Pause.
Dann war Sonntag und LoG spielten, hätten Headliner sein sollen, die Menge rockte. Ich wurde sogar mit zwei Plektrons gesegnet und verschenkte eines weiter, was mir später ein Freibier einbrachte. Die Jungs immer noch der Hammer, könnten aber mal neue Songs bringen ohne den Stil zu wechseln.

Danach gab es unverständlicher Weise eine Band mit folklorischem Iren-Gedudel und zur Krönung Limp Biskit als Headliner. Hatte mir vorab kein Urteil erlauben wollen, immerhin kennt jeder die Songs und es hätte gigantisch geil werden können. Hätte… der Kerl hat einfach zu viel gequatscht und die Pausen waren zu lang. Zum Surfen kam ich aber trotzdem noch… nach dem Motto wenn nicht jetzt, wann sonst. Also rauf auf die Schultern des Vordermannes und Richtung Bühne krabbeln. Von etlichen Händen getragen werden und die Menschenmassen unter sich lassen. Sollte jeder mal gemacht haben. Mein längster Surf mal vor Jahren bei Motörhead in Wacken, (R.I.P. Lemmy) ganz von hinten mehrere Minuten in der Luft und sogar einmal im Kreis geführt… genial.

Der Montag früh dann mit einigen blauen Flecken und dem Bedürfnis nach abgeschiedener Ruhe… genug Festival erlebt und so denkt jeder. Manche denken leider nicht einmal sondern verziehen sich klamm heimlich. Übrig bleibt dann sowas.

Unglaublich und immer wieder erschreckend. Ich gehe ja seit Jahren regelmäßig nach Festivals zum recyclen auf den Platz, sollte den Anblick und die Ressourcen Verschwendung eigentlich gewohnt sein. Fremdschämen und Wut immer wieder. In den letzten Jahren neben Pfandflaschen und Zelten zum Verkauf auch Kleidung und Dosenfutter sowie alles was man fürs Camping braucht eingesammelt. Dieses Jahr hab ich weder Zeit noch Platz, kann aber gar nciht anders. Ich begrenze mich auf eine Stunde und eine Kiste die ich voll mache… ok es ist etwas mehr geworden.

Pfandflaschen hab ich liegen lassen, auch die hunderte volle Bierdosen waren es mir nicht wert. Nützliches wie Sonnenmilch, Grillanzünder, Panzertape und Dosenfutter, Grillkohle (auch Briketts waren verboten) Badelatschen und Isomatten für die Fenster. Auch hab ich sonst alles, nur etwas AluGeschirr kam neu in meine Ausrüstung.
Man findet echt alles, kein Wunder bei solchen ehemaligen Camps. Der Korb auf dem Rad wurde schneller voll als lieb.

Immerhin wird mehr drüber geredet, auch ein F(ai)ropolis gab es mit Workshops und Vorträgen zum Thema Nachhaltigkeit etc… Foodsharing war auch vor Ort und ich hab bissel was tauschen können. Doch am Tag der Abreise interessieren sich die Meisten nur für ihren Kater oder den kommenden Tag auf der Arbeit. Arme Gesellschaft. Foto entstand am Montag Morgen hauptabreise Zeit… sagt schon alles.

Fazit, Gelände geil, Veranstalter scheiße, oder anders beschrieben überteuerter, übervorsichtiger Kommerz und die Band-Auswahl zweite Wahl wie ich denke. Für sich haben die wiederum aber ihr Bestes gegeben… War schön mal wieder zu feiern, aber in der Summe vier Tage meiner knappen Zeit doch irgendwie verschenkt.

Auf zum nächsten Projekt und zumindest mein Camp wurde wie zur Ankunft vorgefunden hinterlassen. Immerhin konnte ich etliche Leute auf diese Thematik, meinen Blog und alternative Lebensweisen anstoßen.

4 Gedanken zu “Subkultur Festivalgänger – Meine Sicht

  1. muetze schreibt:

    Ich weiss ja nicht ob Reggae so deine Richtung ist, aber schau doch nächstes Jahr mal beim Sunrise Festival in Burtenbach (Kreis Günzburg/Bayern) vorbei, familienfreundlich (Kinder jeden Alters), tierfreundlich (Hunde erlaubt) und eines der saubersten Festivals (Die gefüllten Müllsäcke liegen haufenweise rum und sonst sind die Wiesen sauber).

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