QuerWeltEin

Der Grund warum wir und damit meine ich die komplette Truppe die Cala del Plomo verlassen ist eine spontane Wendung im groben Plan. Es ist Wochenende und damit vorbei mit der Ruhe in der Bucht. Ausflugsziel für viele Spanier und darunter dämliche Leute wie man sie nur im Fernsehen findet. Im Olivenhain nebenan grast ein hübsches und großes, sehr ruhiges Maultier. Komplett weiß mit riesigen Ohren, und die ersten Besucher finden es amüsant wie deren Hund das arme Tier ängstigt und zur Verzweiflung bringt indem es nur noch Kreise dreht und angebellt wird. Man muss dazu natürlich die Kamera laufen lassen und den Hund anstacheln und lustige Kommentare ablassen. Leider war ich noch im Bett und nicht schnell genug den Spieß umzudrehen und meine Kamera zu holen.

Doch es wurde noch besser als eine Wandertruppe mit Führer in Neonjacke lärmend den Platz betritt. Locker 30Personen haben sich zum Ziel gesetzt den ruhigen Weg nach San Pedro „mit Leben zu erwecken“ man hört sie den kompletten Weg den Berg hinauf und immer noch als man sie schon lange nicht mehr sieht. Dabei alles ältere Teilnehmer zwischen 40-60Jahren und trotzdem mindestens ein Klassenclown dabei. Atlas natürlich im Alarmmodus als alle den Bus passieren, ein alter Sack baut sich lustig vor meinem Fenster auf und gestikuliert spöttisch bis mein Hund natürlich völlig ausrastet. Ich war gerade ein paar Meter entfernt und muss dem Kerl wirklich auf deutsch fluchend zu verstehen geben er solle seinen fetten Arsch weiter bewegen. Ne Tirade in einer Sprache die man nicht versteht wirkt doch meistens besser.

Dem Trubel zu entkommen machen sich einige von uns auf den Weg nach Enmedio der ruhigen Bucht nebenan. Denkste… noch Näher am Startpunkt Agua Amarga ist auch da einiges los, wenn auch kleinere Gruppen und Leute ohne derzeitige Verfehlung… jedoch ist die Stimmung mal versaut und man erst gereizt… ich kenne die Gefühle noch aus einem früheren Leben. Es staut sich auf bis man irgendwann explodiert und das seine Untergebenen spüren lässt. Willkommen im Teufelskreis der Normalität für so viele heute.

Zurück in Plomo kommt die nächste Reisegruppe am Strand an, Radsportler an die 50Leute teilweise im Besenwagen also dem Transporter hinter dem Feld. Alle etwas jünger aber weitaus ruhiger. Trotzdem reicht es uns, Abfahrt zu einem geplanten gemeinsamen Abend als Verabschiedung der französisch, schweizerisch, spanisch deutschen Hippiegruppe. Ausparken wird nochmal eine Herausforderung… die von uns gehaltene Gasse natürlich gnadenlos zugeparkt, ein Krampf, möchte wie üblich solch einen Spot nicht im Sommer besuchen.

Durch meinen Besuch in San Pedro schwirren mir noch Gedanken durch den Kopf. Glaubt mir, ich hab mich ne Weile mit solchen Themen befasst, und alle Rüdiger Nehberg Ratgeber gelesen. Was erhofft man zu erleben, was sucht die Seele? Hier mal ein irgendwie passender Text aus interessanter Lektüre geklaut.

Zitat aus Querwelten einem Pfadfinderhandbuch der 80er Jahre.

„Als der Tourismus laufen lernte, waren die Hoffnungen noch so grenzenlos wie die Reisewünsche. Damals dachten wir: Reisen baut Vorurteile ab, öffnet den Horizont, gibt uns Verständnis für andere Völker und Kulturen. Frieden, offene Grenzen und Wohlstand konnten das möglich machen.

Heute müssen wir ernüchtert feststellen, Zelten ist nur noch auf „offiziellen“ Plätzen erlaubt, romantische Strände sind mit Hotelburgen verbaut, die Gastfreundschaft fremder Völker wird zum Nepp, das Erlebnis der Reise (Goethe sagte: „Das Land… mit der Seele suchen“) wird zum Kilometerfressen. Die Völkerwanderung junger Leute, denen nicht mehr die Mittel fehlen sondern „nur“ noch der Sinn, zu immer denselben Treffs mit ihresgleichen, nimmt immer mehr zu. Touristikunternehmen, Ferienclubs und Urlaubszentren schreiben die Route vor, stecken die Möglichkeiten ab, bieten die „günstige Gelegenheit“, vermarkten den Urlauber. Ferien sind Produkte, die mit modernen Werbestrategien an den Mann gebracht werden. (Mann/Frau kann es sich leisten) So sind wir zu Weltmeistern im Geldausgeben für Reisen geworden. Die eigene Motivation kommt fast nur noch aus Überlegungen wie: Was macht mich „happy“, welches Land ist heuer „In“, welcher Urlaub noch erlebnisreicher als der letzte, wo sind Superlative zu finden: der dickste Baum, der älteste Tempel, der höchste Wasserfall. Kann man „nur“ mit dem Rucksack durch den Schwarzwald wandern, wenn Opa in Hongkong shoppt und der Nachbar nach Teneriffa fliegt…? Schon gibt es Überlebensurlaub in der Wildnis, den Abenteuerurlaub für viel Geld…
Reisen – ist das ein Missverständnis? Ist es nur noch die Befriedigung hoher Ansprüche?
Ferien – heißt das nur noch weg, egal wohin, Hauptsache es ist warm, chic und mit action? Ist es richtig sich Ferien reinzuziehen wie ein Hamburger, den Walkman im Ohr gruppenweise vom Urlaubsversandhaus verschickt, nur noch im Katalog anzukreuzen „Montag Folklore Tanzgruppe, Dienstag shopping im Bazar, Mittwoch Sonnenuntergang am Tempel“ alles inklusive Frühstück, Betreuung und Versicherung…?

Leider sind vorgefasste Meinungen gegenüber anderen stärker geworden als die Lernbereitschaft. Armut und Schmutz eines afrikanischen Fallachendorfes, betrachtet aus dem klimatisierten Reisebus mit Bordbar, bestätigt natürlich die Meinung, daß unser Leben eigenes Leben aus Fleiß, Ordnung und Sauberkeit bestehen muß. Und dann sind wir gerührt darüber, wie glücklich die Armen sind und wie menschlich die „Wilden“ – die Welt wird mehr und mehr zum Zoo!

Es fällt immer schwerer (und wird vielleicht gerade dadurch interessant), einen anderen Weg zu gehen, sich z.B. hineinfallen zu lassen in das Abenteuer des Urlaubs, unbefangen zu erwarten, was der nächste Tag bringt oder dort und so Ferien zu machen wie man wirklich will. – Der Tourismus gräbt sich sein eigenes Grad. Mach Urlaub vom Tourismus! Suche deinen eigenen Weg, abseits der überlaufenen Straßen, erlebe das fremde Land (das schon im nächsten Dorf beginnt!) von unten und von innen, höre zu, versuche zu begreifen, begegne dem Neuen mit Achtung, sprich mit dem Fremden, freue dich – sei unterwegs!
Deine Begegnung mit anderen sollte, im Versuch des gegenseitigen Verstehens, dem Frieden dienen, nicht dem Konsum, müsste Vorurteile abbauen, gemeinsames Tun ermöglichen, sollte dich selbständig, kritikfähig und diskussionsbereit machen. Dem Abenteuer kannst du überall begegnen, wenn du die Augen offen hältst. Und nur braun zu werden ist eigentlich nicht Sinn des Urlaubs – überdies kannst du es billiger als Badeferien auf Hawaii.“

Zitat Querwelten Ende.

Heute mal ohne Bilder, ich hoffe ihr versteht… in diesem Sinne, macht was aus dem Wochenende.

4 Gedanken zu “QuerWeltEin

  1. Johannes&Erika schreibt:

    Wahre Worte, ich versteh dich!
    Alles muss heutzutage immer besser, teurer, spektakulärer, als der Nachbar, Arbeitskollege,… sein.
    Muss man nicht verstehen und ich sch… drauf so zu leben.
    Meine Frau und ich Urlauben auch nicht, eine Reise ist kein Urlaub.
    Überlaufene touristische Stellen sind mir zuwieder.
    Stadtbesichtigung mache ich maximal meiner Frau zur liebe.

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  2. Hans schreibt:

    Schon oft verließ ich wunderschöne, einsame Orte, angewidert durch eintreffende lärmende ignorante Weißcaravanurlaubern; ich kenne es was Du beschreibst. Mit jeder Preisgabe einer schönen Stelle in der Natur im www sind die Weichen gestellt, daß er überrannt wird.
    Hans aus Kölle

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  3. Jutta schreibt:

    oh ja! Wie wahr….wie oft sind wir auch schon geflüchtet und um Gottes Willen im Sommer nicht an südeuropäische Strände
    Das Buch Querwelten interessiert mich? Schickst Du mir die ISBN, bitte?
    Danke für die schönen Berichte, sie helfen mir über die „reiselose“ Zeit hinweg 🙂
    Liebe Grüße,
    Jutta

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