Nouakchott, Großstadt in der Sahara

Der letzte Übernachtungsplatz also bedingt durch die unüberwindbare Sandverwehung recht weit weg von der Attraktion die ich dann am Morgen besuchen fuhr. Eigentlich wollte ich einen Motorradausflug machen, doch 5km gelten auch als Frühsport mit dem Fahrrad. Die Rüttelpiste wiederum ist gleichzeitiges Armtraining… juhuu. Von welcher Attraktion kann hier überhaupt die Rede sein? Wie im letzten Blog angesprochen die alte Route nach Nouakchott auch Ebbstrandpiste genannt und damit exakt die Begrifflichkeit aus dem zusammengesetzten Wort. Eine Piste die bei Ebbe am Strand entlang führt. Ich kam jedoch kurz nach der Flut an und das Wasser hatte sich die Route schon wieder einverlaibt. Wenn man früher die Option hatte 400km durch unbefestigte Wüste zu fahren (vor dem Straßenbau) oder mit hübscher Kulisse mehrere Hundert Kilometer auf festem Strand… klare Entscheidung und der Nervenkitzel die richtige Zeit abgewartet zu haben gratis.

Die Piste aber nur noch von Abenteurern und Allradfahrern genutzt, die Spuren trotzdem ziemlich ausgefahren und alleine der Ausgang mit 50-100m Sandstrand für uns ein nogo. Der Strand hier sonst recht unspektakulär, einige Fischerhütten und hübsch bunte Boote am Wasser. Aber ich war mal da.

Die Rückfahrt zu den Bussen dann nicht mehr ganz so lustig, Gegenwind mit Sand gespickt, war ja nach den letzten Tagen eigentlich nicht anders zu erwarten… Zum Glück abfahrbereit hatten wir meinen gestern noch aus der Düne gezogen. Rüttelpiste bis Asphalt und dann mit moderatem Tempo in Richtung Hauptstadt. Ein Leben in dieser Einöde für uns kaum vorstellbar… den Kids sind wir willkommene Abwechslung und es wird fleißig gewunken. Der Trockenfisch baumelt ebenfalls im Sandsturm.

Wenn man zu den Straßenverhältnissen und Zustand der Fahrzeuge noch den Faktor Sicht bei Sandsturm hinzuaddiert ist das erhöhte Risiko von Unfällen nur logisch. Einen Toyota Kleinbus haben wir aus entgegengesetzter Richtung kommend später auch auf unserer Seite 20m weiter im Feld stecken sehen. Alle Insassen (locker ein Dutzend) Wohlauf und rausgezogen bekommen wir den da auch nicht, also weiter. Wenn der Zeitpunkt ungünstiger gewesen wäre, der Schlaf oder die Ursache für das Verlassen der Fahrbahn auf gerader Stecke zu anderem später passiert wäre hätte es auch… egal, Vorsicht und Obacht, Wracks gibt es schon genug.

Nouakchott erreichen wir ohne Zwischenfall und sind mal wieder erstaunt. Der Flughafen liegt fast 10km nördlich der Stadt und ab hier ist die Straße jeweils dreispurig und mit mehr Laternen bepflastert als ich dem ganzen Land zugetraut habe. Unsere Mission heute heißt Geld tauschen und Herberge finden. Die Reiseführer ja nicht ganz die zuverlässigsten steuern wir mit Hoffnung einen Stellplatz direkt im Zentrum an. Auberge Menata mit kleinem Innenhof für Camper möglich. Und sogar noch Platz für unsere Busse samt Anhänger. Netter Empfang, tolle Gegend, günstiger Preis mit 200 Ouguiya (neu… ich werde zukünftig immer die aktuelle Währung also ohne die letzte Null benennen) macht also knapp 5,-€ pro Nase.

Mein erster Rundgang mit Atlas in der Nachbarschaft zeigt eine wesentlich bessere Gegend als die durchfahrenen Vororte im Norden. Slums soll es erst im Süden geben. Hier im Zentrum ist das Botschafts- und Villenviertel, dazu der Bankendistrikt. Trotzdem kein Vergleich zu einer europäischen Metropole. Nouakchott hat geschätzt eine Million Einwohner und existiert erst seit einer Generation. Die Landflucht hier in Mauretanien gewaltig und die Zustände in den Städten gewöhnungsbedürftig. Als Einziges mal wieder gepflegt und hübsch heraus geputzt die Moschee, hier noch nicht mal die große.

Die meisten Häuser kommen über die erste Etage nicht hinaus, zweistöckig sind die Wenigsten, nur die Banken und Versicherungen, auch der Parasit unserer Ökonomie kann hier klotzen. Die Bevölkerung kann sich keine Schuhe oder Wasser leisten aber Hauptsache Versicherungen verkaufen und Geld verdienen mit fast leeren Konten… und ich rede hier nicht nur von den drei Gebäuden im Bau, nein noch etliche Weitere im Umkreis.

Es gibt zwei breite geteerte Verbindungen durch die Stadt (siehe oben), wenige einspurige asphaltierte Hauptstraßen kreuz und quer. Der Großteil der “Straßen” in der größten Stadt der Sahara ist nunmal aus dem hier vorherrschenden Boden also aus Sand. Das folgende Bild nur wenige Blocks weiter knapp 500m südlich der Banken… und damit ein grober Einblick wie der Rest von Nouakchott aussieht.

Ich mache meinen Bummel dann lieber wieder Richtung Unterkunft und passiere die Französische Botschaft und angrenzende DiplomatenVillen. Alle mit eigenem Wachposten und anscheinend auch Gärtner… Pflanzen sonst hier Mangelware. Die G-Klasse vorm Haus zwar technisch an der Vorderachse nicht ganz fit aber eines der originalsten Autos hier.

Normalerweise sind Autos an jedem Blechteil mindestens einmal verbeult, alle äußerlichen Anbauteile fehlen teilweise oder vollständig (Spiegel, Türgriffe, Stoßstangen etc.) Lack, also die Originalfarbe ist nur noch zu erahnen und meist natürlich Sandgestrahlt, bei Flickereien wird nach dem schweißen, nieten oder kleben gar nichts weiter mit dem neuen Blech gemacht. Scheinwerfer wenn noch funktionstüchtig sind mit Pappe oder Plastik abgeklebt um ggf. bei Dunkelheit feierlich als funktionierend enthüllt zu werden. Bei Rücklichtern gilt das nicht, damit sieht man ja nicht wo es hin geht, also unwichtig. Blinker ebenso unnütz, schert sich eh keiner drum, abgebogen wird meist auch schon Meter vor der Kreuzung durch den Gegenverkehr der da plötzlich als Geisterfahrer auftaucht. Einordnen tun sich Autos vom Straßenrand auch mit den bei Pferden üblichen Scheuklappen, was ich nicht hinter mir sehe ist nicht da. Das Ergebnis; hier ein besonders sehenswertes Unikat, bei weitem aber nicht die Ausnahme, ich schreibe dazu mal gesondert ein Thema.

Als verkehrstüchtig gilt alles was mit vier Rädern und einem Lenkrad fahrbereit ist. Ob Auspuff demontiert oder komische Geräusche aus der Technik kommen ist egal, auch Türen sind nicht unbedingt nötig, hilft aber mehr Insassen sicher zu verstauen. Gepäck kommt immer aufs Dach! Hier mal ein Bus der dank Bullenfänger noch recht gut da steht.

Ich entdecke bei meinen zahlreichen Stadtbummeln auch sogar einmal ein Müllauto. Naja, ein Mulden-LKW mit 6-8 emsigen Helfern die von überall Unrat und Tüten anschleppen und aufladen.

Ob besagter Laster dann irgendwo in einer großen Öffnung im Boden gleich mit entsorgt wird scheint hier nicht ausgeschlossen. Abends ist definitiv Feierabend, ohne Licht geht halt sowieso nicht.

Aprospos Abend… wir testen heute mal das Restaurant direkt an der Herberge. Der Chef eine echte Frohnatur und wohnt mit seiner Frau die die Küche macht auch über der Herberge. Viel einheimischer Betrieb zeugt auch von angesehener Küche. Es ist zwar nicht mauretanisch sondern senegalesisch was hier so gekocht wird, aber verdammt lecker mit Bruchreis und Gemüse… und die riesige Portion für 50 Ouguiya und damit knapp 1,20€ doppelt lecker.

Das Restaurant gegenüber hat nicht annähernd so viel Besuch, sollte sich wirklich jemand an den nötigen Wasserlieferungen am Morgen stören?

Die Herberge hat nen eigenen Brunnen, die Pumpe zwar mit etwas nervigem Geräusch im Hof, dafür aber auch mit warmer Dusche dank Boiler. Das letzte Hamamm ist schon ne Weile her, ne richtige Dusche mit Wasser von oben schon gar nicht mehr im Gedächtnis. Der gute Ruf hat sich wohl rumgesprochen, wir bekommen am Abend noch einigen Besuch von der aktuell stattfindenden Rallye Budapest Bamoko, die jedoch dieses Jahr nach Banjul führt und damit immerhin beim “B” bleibt. Cooler Citroen CX und gebastelt wird überall ein bisschen.

Nachts ist aber Ruhe und wir beschließen noch eine weitere hier zu gastieren, Das Essen ist Super und wir blieben also zwei Tage in der quirligen Hauptstadt. Direkt in unserer Straße mehrere Privatschulen und dementsprechend auch stoßweise gut was los. Die Unterkunft Menata wie schon erwähnt ein Glücksgriff und nicht nur deswegen haben wir um eine Nacht verlängert. Hauptgrund warum wir in der Großstadt campieren… die Botschaft von Mali. Und Tada… wir haben unser Visa gültig für 30Tage ab in einer Woche. Los geht’s.

Der gedruckte Einkleber ist das Visa für Mauretanien, direkt an der Grenze für 55,- gekauft, das für Mali hat uns mit Passfotos und handschriftlicher Eintragung in einer Stunde knapp 13,-Euro gekostet. Warum gerade dorthin fragt man sich bei aktuellen Berichten von Bundeswehreinsatz und IS. Wir wollen nur im Westen des Landes bleiben und den Senegal mit seiner Korruption bei Durchfahrt umgehen. Ausserdem liegen in der Richtung in Mauretanien einige schöne Ziele unserer Reise. Schwarzafrika also zum Greifen nahe, und knapp 1000km weg. Vorerst müssen die schönen Wandmalereien auf dem Stellplatz und die Geschichten unseres französischen Nachbarn, der Afrika seit 40Jahren bereist genügen.

Über Schrottautos habe ich ja schon berichtet, es gibt aber immer nochmal eines was alles bisher gesehene übertrifft. Bilder folgen mal in nem separatem Beitrag.
Da kann sich echt niemand dran stören, wenn ich mal ne Runde mit der GasGas durch die Straßen pflüge. Die Schwalbe wollte keine Ausfahrt, Arbeitsverweigerung wegen defektem Gasgriff. Also gab es kernigeren Zweitakter und damit grünes Licht auch für sandige Nebenstraßen. Der Verkehr ist irre, aber überschaubar. Man muss nur aufpassen und die Gewohnheiten beachten. Die Passanten haben so ein Motorrad anscheinend noch nie gesehen, Aufmerksamkeit an jeder Ecke. Bordsteinkanten springen und wheelies fahren und driften gibt dann sogar Applaus von den Einheimischen. Urban Trials… und ich hatte Spaß.

Ich wurde nicht etwa von der Polizei gestoppt, sondern hielt am einzigen Zweirad weit und breit einfach mal zu nem Plausch mit dem Officer an. 125er China und auch ganz schön ramponiert. Immerhin Blaulicht und Martinshorn dran, zusammen mit der Uniform ne respektierte Erscheinung in der Hauptstadt Nouakchott, größte Stadt in der Wüste.
Wir haben genug und ziehen gegen Mittag weiter.

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