Rastplatz 29 vor Madrid, Tag 30-31, Kilometer 3101

Man war das kalt die Nacht, auf dem Dach ist reif und der Kunstrasen in der Nähe schimmert auch weiß. Mangels Lust das Ofenrohr anzuschließen geht es also nach dem Gassigang nochmal ins warme Bett zum schreiben. Die ganze Isolierung vom letzten Umbau hat echt gelohnt, hier schön mollig. Und die ersten Sonnenstrahlen schießen direkt auf die Frontscheibe und erwärmen das Innere schnell.

Irgendwie vertrödeln wir den Morgen, Bequemlichkeit und das Wissen, dass unsere Freunde nicht weit hinter uns sind. Wir haben alles und genug Zeit. Und auch einiges online nachzuholen, wir warten hier einfach und entscheiden spontan. Unsere Freunde kommen gegen 16Uhr und jetzt lohnt ein Aufbruch auch nicht. Am Nachmittag entscheiden die Mädels nicht genug Auslauf gehabt zu haben und legen ne Sporteinheit ein. Mangels Ausweg am Rasthof beschränkt es sich aber auf Übungen hinterm Restaurant, in schon komischer Atmosphäre auf Kunstrasen. 2:0 muss ich gestehen, die Kerle basteln lieber noch am Bus, Bremse nachstellen am Orangen ist angesagt, sonst läuft’s gut und auch die beiden fahren ihren 407 jetzt mit Frittenölanteil.

Geselliger Abend mit Datentausch, langweilig wurde es nicht, gut so, denn das Internet will uns irgendwie nicht mehr verbinden, gibt es doch nen zeitliches Limit, oder haben die Angestellten keine Lust noch mehr Hausierer neben dem Fenster zu sehen? Für nen Gang zum Klo ist es allemal noch gut hier.

Tag 31, Kilometer unverändert
Wir haben gestern Abend grob abgesprochen uns in Aranjuez, einem sehenswerten Örtchen südlich der Stadt wieder zu treffen. Die beiden schlafen länger und wir vertreiben uns die Zwischenzeit beim Sport. Mein Startversuch gegen 8Uhr wurde aber vereitelt. Nicht genug Saft auf den Batterien, haben gestern auch gut Strom gezogen und die Ölmischung ist nicht für solche tiefen Temperaturen am Morgen gemacht. Also abwarten, die Sonne kommt erstmal frühstücken und Hausputz.

90Minuten später gab es vollen Schub und das Aggregat unseres Heims erwachte zum Leben. Es war immernoch kalt, aber fast 150Watt bei tief stehender Sonne reichen doch für ne schnelle Ladung der Zelle. Anmerkung zur Technik: Wir haben zwei 100er Batterien, eine für Fahrzeug und Radio und eine für Wandler und Licht, meinen Laptop lade ich aber immer über den 12V-Zigarettenanschluß, Christie ihren (der dreimal soviel Strom braucht über die Sonne) Beide sonst voneinander getrennt, aber wie heute mit nem Kabel zu überbrücken. Wenn’s wolkig gewesen wäre hätte Starthilfe sein müssen.

So fahren wir aber immernoch vor dem Erwachen der Begleiter auf die Autovia Richtung Innenstadt. Unsere Fitness Mitgliedschaft ist zwar in Pausemodus, aber mal für einen Besuch Fragen kann nicht schaden. An der gefundenen Adresse sieht es nur wie überall hier sehr bescheiden mit Parkplätzen aus. Also müssen wir getrennt eintreten, nachdem mein Charme bei der zum Glück englisch sprechenden Trainerin fruchtete und sie uns Einlass und Dusche gewährte. Ohne Fleiß kein Preis, also komplettes Trainingsprogramm absolvieren, mal wieder nötig.

Auch der fliegende Wechsel ging gut und wir konnten knapp 3 Stunden später unseren Notparkplatz vor einer Torausfahrt verlassen. Jetzt stand noch ne SimKarte für Christies Handy auf dem Plan, bevor wir die Stadt schnell wieder verlassen wollen.

Doch, ohh SCHRECK, ihre Breiftasche ist weg. Kein Scheiß und kein Scherz, wir haben den Bus am Straßenrand stehend zweimal durchsucht ob sie nicht doch einfach woanders ist. Sie hat ein gedacht todsicheres System, alles was ihr wichtig sei ist handlich verpackt im Rucksack und immer und überall dabei (selbst auf dem Klo) Doch dort ist keine Geldbörse, die eigentlich ne kleine Aktentasche ist, mit Papieren und Karten, Reisekasse und allem Wichtigen natürlich. Dazu gesellen sich Laptop und Kamera, Telefon und Co (alles noch da). Schnell zurück gedacht, zuletzt vor zwei Tagen für ne Flasche Wein in der Hand gehabt, und dann wieder im Sack verstaut. Bleibt nur noch beim McDonalds sitzend in Burgos, während ich Öl filterte bestohlen worden zu sein, kaufen tun wir da ja nix. Vielleicht den Rucksack doch nicht perfekt im Auge gehabt, vom Laptop abgelenkt… so schnell kann’s gehen.

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Stress, Panik, Hektik, was tun? Erstmal Internet suchen wir sind völlig aufgeschmissen und können kein spanisch. Der Dicke versperrt also die Busspur vor einem McDonalds, mir egal, ist wichtig. Ich kontaktiere ne spanische Freundin wegen der Sprachbarriere. Ein Gast, der sich eigentlich mit mir über den coolen Bus unterhalten wollte ruft schnell nochmal beim Ort des vermeintlichen Geschehens an und hat natürlich keinen Erfolg. Die Botschaft also unser nächstes Ziel, mit weniger Kohle kommen wir schon klar… wie immer, nur ohne Pass nicht nach Marokko. Reiseabbruch steht nicht zur Debatte, zur Not muss sie sich nen Heimflug sponsoren lassen und dort neue Papiere holen, aber zum Glück sind wir nur einen Kilometer von der Botschaft entfernt. Die hat aber um 15Uhr schon geschlossen, und wir auf eine Nacht in der Stadt verdammt. Ok, es gibt auch genug zu kommunizieren und zu regeln.

Erstmal zur Polizei, obwohl ich Hilfe bezweifle. Wir werden auch etwas hin und her geschickt und im Endeffekt bekommt sie ne offizielle Diebstahlanzeige.
Wohin als nächstes, Internet… an der letzten Stelle kann ich nicht bleiben und wir sind wirklich mitten in Madrid mit dem 9Meter Gespann aufgeschmissen. 5km südlich steuern wir ein Einkaufszentrum an. Aber ein gemütliches Schnellrestaurant, dessen Namen mich eigentlich mit Abscheu schüttelt ist gut genug für ihre Erledigungen.

Ich muss mich noch um ne Kleinigkeit kümmern, der Kaltstart heute Morgen darf nicht wiederholt werden, also Brühe raus und Diesel rein, das erste Mal tanken seit der Heimat. Wir müssen bereit sein auch nachts losfahren zu können, die Botschaft öffnet 8Uhr, klare Ansage.
Die Umgebung ist passabel, wir stehen im Halteverbot, juckt mich nicht, bleiben hier auch die Nacht mangels Alternativen. Es ist recht ruhig und beim Fleischer hat zumindest Atlas’ Blick Erfolg auf Futter, die beiden Supermärkte hier werfen nix ab, nichtmal auf Nachfrage mit Hand und Fuß. Mal gucken was Christie erreicht hat.

Sie ist eine starke Frau und schon seit Ewigkeiten selbständig, will auch unabhängig sein und hat nun nix mehr auf der Welt an Geld. Keine Bankkarte für das fast leere US-Konto und auch keine Möglichkeit Heim zu fliegen. Sie überlegt ein Crowdfunding Projekt zu starten, sieht aber wenig Aussicht und hohe Gebühren, also kann man ja erstmal nen Aufruf bei Freunden starten. Betteln würde ich das nicht nennen, eher ein Hilferuf. Mein Geld ist gut im Bus versteckt, wäre nur weg wenn der auch weg ist… Konten vertraue ich nicht und Karten sind auch nur Plastik. Wir haben also nicht alles verloren, aber die Hälfte und das ist locker vierstellig.

Ihr Facebook Post hat massig Zuspruch bei alten Freunden in der Heimat, die ihren Lebensstil beneiden und ihrem blog mit Freude folgen. Ein paypal-Konto macht’s möglich und es trudeln unterschiedliche kleine Beträge ein, die hoffen lassen. Über mein Notkonto kommen wir da sicherlich auch irgendwie ran. Kopf hoch, nur noch Papierkram.

Und wieder wird man sich bewusst, was für Ängst Leute haben müssen die völlig in der Maschine stecken und ohne Geld nicht leben können. Es ist ärgerlich, dafür hat sie den ganzen Sommer über gespart und auch gearbeitet aber wir geben nicht auf, ist doch wirklich nur Papier, niemand verletzt, das Dach noch überm Kopf und Freiheit in alle Richtungen (nur aktuell abgesehen von Grenzen)
Wir haben sogar nachts im Bus Empfang, an erholsamen Schlaf ist nicht zu denken, aber die Schrecken sind überstanden, alles wird gut.

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4 thoughts on “Rastplatz 29 vor Madrid, Tag 30-31, Kilometer 3101

  1. billigflieger says:

    Hallo Philipp und Christie,

    ich konnte keine Email-Adresse finden, darum schreibe ich euch via Kommentar:

    Hier ist ein Artikel über meine liebsten Wohnmobil-Blogs, den ich geschrieben habe, und eure Seite ist darin prominent genannt.

    http://www.dinovan.de/blogs/

    Dafür habe ich ein Foto von eurer Seite verwendet. Bitte lasst es mich wissen, falls ihr damit so nicht einverstanden seid. Danke.

    Liebe Grüße aus Lissabon (wo mein Bus gerade in der Werkstatt ist),

    Peter

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